Celonis: Vom Studentenprojekt zur Milliarden-Plattform

Im Jahr 2011 sitzen drei Studierende der Technische Universität München in ihrer Wohngemeinschaft in München. Der Bayerische Rundfunk hat sie im Rahmen eines studentischen Beratungsprojekts damit beauftragt, interne Prozesse zu untersuchen. Während andere dieses Projekt als Pflichtübung sehen, entdecken die drei ein grundlegendes Problem: Manche Abläufe dauern deutlich länger als andere – und das erscheint ineffizient.

Zurück in ihrem Wohnzimmer entwickelt das Gründertrio eine einfache Software, die Intervalle zwischen zwei Zeitpunkten misst. Wo die Intervalle lang sind, hakt der Prozess. Damit wird erstmals sichtbar, was vorher verborgen war: die Zeit und Wege, die Daten und Entscheidungen durch die Organisation nehmen. Aus dieser Erkenntnis entsteht Celonis SE – ein Unternehmen, das heute weltweit eine führende Rolle im Bereich Process Mining spielt.

Nachdem der erste Kunde überzeugt war, beginnt das Team mit der Ausweitung ihrer Software. Anfangs läuft vieles über manuelle Follow-ups: 1.500 handgeschriebene Briefe an CEOs großer Unternehmen zeigen, dass jeder Prozessgewinn zählt – und dass persönliche Ansprache hilft, verfolgt zu werden.

Parallel entwickeln sie ihre Lösung weiter: Aus der reinen Analyse von Prozessen wird eine Plattform-Lösung, die nicht nur zeigt, wo Wege lang sind, sondern auch warum sie lang sind. Dabei geht es nicht nur darum, Daten zu visualisieren, sondern sie in den Kontext von Geschäftsprozessen zu setzen und Handlungsschritte abzuleiten.

Die Plattform wächst von einem Analyse-Tool zu einem Execution Management System (EMS). Elemente wie der sogenannte „PI-Graph“ verbinden Ereignisdaten, Fachwissen und KI-Logik zu einer Grundlage, die Prozesse über verschiedene Systeme hinweg abbildet und optimiert.

Prozesse nicht isoliert betrachten

Die Innovation von Celonis liegt darin, Prozessabläufe nicht mehr isoliert und rückblickend zu betrachten, sondern in Echtzeit, system- und sachübergreifend. Das bedeutet:

  • „Object-Centric Process Mining“ erlaubt es, nicht nur den Ablauf einer einzelnen Einheit zu analysieren, sondern Wechselwirkungen zwischen mehreren Objekten zu erfassen.
  • Der PI-Graph baut eine Art digitalen Zwilling von Unternehmensprozessen – übergreifend, lernend und mit Handlungsempfehlungen statt reiner Visualisierung.
  • KI-gestützte Automatisierung wird nicht nachträglich auf Prozesse gesetzt, sondern integriert in den Lebenszyklus von Prozessen – von Analyse über Optimierung bis zur Steuerung.

Damit verschiebt das Unternehmen die Perspektive: Prozesse werden nicht mehr nur dokumentiert – sie werden als strategisches Asset begriffen. Unternehmen erkennen, wie Daten, Systeme und Entscheidungen zusammenspielen.

Vom Münchener Start-up zur globalen Plattform

Die drei Gründer bleiben nicht nur technische Visionäre. Sie navigieren ihr Unternehmen auch durch Wachstumsphasen, Investitionsrunden und internationale Expansionen. Was mit einem Studentenprojekt begonnen hat, ist heute ein „Decacorn“ – ein Unternehmen mit Milliarden­bewertung und tausenden Mitarbeitenden weltweit.

Celonis erschließt Märkte in Europa, Nordamerika und Asien. Große Konzerne werden zu Kunden, Prozesse über Ländergrenzen hinweg analysiert. Gleichzeitig bleibt das Unternehmen Teil der Münchener Tech-Szene – mit Veranstaltungen wie „Celosphere“, bei der Innovation, Strategie und Zukunftsthemen diskutiert werden.

Beispiel-Case: Wie Mercedes-Benz Process Intelligence in der Produktion nutzt

Am Beispiel Mercedes-Benz kann man das Potential der Plattform gut zeigen. Der Automobilhersteller zeigt, wie Process-Intelligence-Technologie in einem hochkomplexen Produktionsnetzwerk wirkt. Millionen Teile, hunderte Lieferanten und ein global verzweigtes Fertigungssystem müssen täglich synchron laufen. Genau an diesem Punkt setzt die gemeinsame Arbeit an.

Mercedes-Benz verbindet über die Celonis-Plattform Daten aus zentralen Produktions- und Logistiksystemen. Diese Zusammenführung stärkt die hauseigene Fertigungsplattform MO360. Mitarbeitende sehen damit in Echtzeit, wie sich Bestellungen entwickeln, wo Bauteile stehen und an welchen Stellen sich Abläufe verlangsamen. Entscheidungen, die früher Zeit gekostet haben, laufen heute schneller und mit klarerer Datengrundlage ab.

Verbesserte Liefertreue, schnelleres Handeln

Besonders sichtbar wird der Effekt in drei Bereichen:

  • In der Order-to-Delivery-Kette prognostizieren KI-Modelle Lieferzeiten und optimieren die Reihenfolge in der Fertigung.
  • Im Aftersales-Geschäft erkennt Process Intelligence Engpässe in der Ersatzteilversorgung und beschleunigt die Reaktion auf Anfragen.
  • Im Qualitätsmanagement identifizieren Algorithmen Abweichungen, bevor sie Produktionschargen beeinflussen können.

Mercedes-Benz ordnet diese Fortschritte in seine Digitalstrategie ein. Einsatzorte für Process Intelligence wachsen intern weiter, hunderte Mitarbeitende arbeiten bereits täglich mit Celonis. Der Hersteller sieht darin die Grundlage, um Unternehmens-KI sinnvoll einzusetzen: Transparenz als Voraussetzung für Automatisierung und schnelle Reaktionen.

Was der Fall Mercedes-Benz zeigt

An diesem Beispiel wird sichtbar, worin die Stärke der Technologie liegt. Die Plattform bildet Prozesse nicht nur ab, sondern liefert Kontext und schlägt Maßnahmen vor. Für ein globales Unternehmen bedeutet das: weniger Verzögerungen, präzisere Planung und eine Produktion, die sich schneller an Marktveränderungen anpasst.

Celonis

Was Mittelstand und Großunternehmen lernen können

Für ein Unternehmen, das übergeordnete Prozesse integrieren will, bringt Celonis drei zentrale Erkenntnisse mit:

  • Beginne dort, wo die Daten vorhanden sind: Jede System-Logdatei ist potenzielle Grundlage für Prozesssichtbarkeit.
  • Nicht nur analysieren, sondern handeln: Eine Plattform muss aus Erkenntnissen konkrete Schritte ableiten und unterstützen.
  • Stetige Weiterentwicklung ist Pflicht: Prozesse verändern sich, Technologien entwickeln sich – wer stillsteht, verliert Anschluss.

Wer im Mittelstand sitzt und denkt, Prozessoptimierung sei nur etwas für große Konzerne, kann sich daran orientieren, wie Celonis über die Jahre Maßstab und Modell geworden ist.

Ausblick

Celonis steht inzwischen nicht mehr nur für Process Mining. Das Unternehmen hat die Kategorie weitergedacht und will sie mit KI-gestützter Prozessintelligenz neu definieren. Für Firmen heißt das: Die Sichtbarkeit reicht nicht mehr – die Steuerung wird zur Disziplin.
Die Gründerstory zeigt: Ausgehend von einem realen Problem, handfest umgesetzt, entsteht Innovation. Und daraus kann ein global wirksames Geschäftsmodell werden.

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