Sogol Kordi

Von Betroffener zur Gründerin: Sogol Kordi hilft mit myProtectify Überlebenden häuslicher Gewalt

Vier Jahre Angst, Kontrolle und Gewalt. Als Sogol Kordi endlich den Mut fand, über ihre Situation zu sprechen, waren ihre Freund*innen schockiert. Sie habe doch den perfekten Partner an ihrer Seite, sagten sie. Doch hinter verschlossenen Türen sah die Realität anders aus: körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt prägten Sogols Alltag über Jahre hinweg.

Rico-Thore Kauert

Heute ist Sogol Kordi Gründerin von myProtectify – einem gemeinnützigen Impact-Startup, das genau dort ansetzt, wo das Hilfesystem in Deutschland Lücken aufweist. Mit dem KI-gestützten Hilfe-Chat „Maya“ bietet sie Betroffenen von häuslicher Gewalt eine niedrigschwellige, anonyme und rund um die Uhr verfügbare Unterstützung.

Der steinige Weg aus der Gewalt

13 Monate dauerte es, bis sich Sogol aus ihrer gewaltvollen Beziehung befreien konnte. Eine Zeit, die geprägt war von einem Hilfesystem mit massiven Lücken. „Als das Frauenhaus voll war, wurde ich einfach wieder nach Hause geschickt. Niemand half mir, ein anderes zu finden“, erinnert sich die Gründerin. Die erste Psychologin erklärte ihren Fall für „zu hart“, eine Beratungsstelle wimmelte sie am Telefon ab, und selbst beim Amtsgericht wurde einfach aufgelegt, als sie nach Prozesskostenhilfe fragte.

Diese Erfahrungen waren niederschmetternd – aber sie wurden auch zum Katalysator für myProtectify. „Manchmal waren es gerade die schwierigen Situationen, die mich zum Nachdenken brachten: Warum wird nichts getan und warum werde ich mit all dem so allein gelassen?“, so Kordi.

Als ehemalige HR-Managerin bei Konzernen wie Netflix und Airbus brachte Sogol nicht nur ihre persönliche Betroffenheit mit, sondern auch betriebswirtschaftliches Know-how und ein tiefes Verständnis für organisatorische Strukturen. Bei ihrem damaligen Arbeitgeber hatte sie sich an den Betriebsarzt gewandt – doch auch dort fehlte das nötige Wissen im Umgang mit häuslicher Gewalt.

Die Gründung: Von Betroffener zu Betroffene

2024 wagte Sogol Kordi den Schritt in die Öffentlichkeit. Bei ihrem ersten Pitch sagte sie: „Hi, ich bin Sogol, ich bin die Gründerin von myProtectify, und ich wurde vier Jahre lang in meiner Beziehung von meinem gewalttätigen Ex-Partner geschlagen. Genau deshalb stehe ich heute hier.“ In diesem Moment wurde ihr klar: Das ist der Start von etwas ganz Großem.

Ihre persönliche Geschichte ist das Fundament von myProtectify. „Ich habe das Ganze wirklich aus der Sicht einer Betroffenen auf die Beine gestellt – also von einer Betroffenen für andere Betroffene“, erklärt die Gründerin. Diese Perspektive ist entscheidend, denn sie kennt die Lücken im Hilfesystem aus erster Hand: überfüllte Frauenhäuser, fehlende Sprachkenntnisse bei Beratungsstellen, Scham und die Angst vor weiterer Eskalation.

Das Team: Expertise aus unterschiedlichen Welten

Gemeinsam mit Co-Gründer Tobias Pörtner, der nach seiner operativen Phase heute als Board Member berät, baute Sogol ein interdisziplinäres Team auf:

Ann Rheinheimer leitet als Geschäftsführerin das Team und bringt ihren Design-Background ein, um Entscheidungen konsequent aus der Perspektive der Nutzer*innen zu treffen.

Ronja Zimmermann, Master-Psychologin mit Spezialisierung auf häusliche Gewalt, sorgt für sensible Kommunikation und zielgruppengerechte Produktentwicklung.

Benedikt Görges steuert als Wirtschaftspsychologe die strategische und operative Geschäftsentwicklung.

Unterstützt wird das Kernteam von acht Ehrenamtlichen, die in den Bereichen Social Media, Research, Entwicklung und Copywriting mitwirken.

Maya: KI als Rettungsanker

Das Herzstück von myProtectify ist Maya – ein KI-gestützter Hilfe-Chat, der im August 2024 bei einer Release-Party im Hamburger Körber Start-Hub offiziell gelauncht wurde. Der Chatbot wurde in enger Zusammenarbeit mit Betroffenen entwickelt und bietet:

  • 24/7-Verfügbarkeit ohne Anmeldung, Kosten oder persönliche Daten
  • Mehrsprachige Unterstützung, aktuell optimiert für Deutsch und Englisch
  • Anonyme und sichere Nutzung über Browser – keine App-Installation nötig, die Spuren auf dem Handy hinterlässt
  • Quick-Exit-Button zum sofortigen Verlassen der Seite
  • Individualisierte Hilfsangebote basierend auf Standort und Situation
  • Personalisierte Sicherheitspläne und Aktionslisten

Maya erklärt, was häusliche Gewalt ist, hilft bei der Einordnung der eigenen Situation und vermittelt zu passenden Beratungsstellen in der Nähe. Der Chat basiert auf verifizierten Quellen und aktuellen Standards in der Hilfe für Betroffene. „Maya soll keine persönliche Beratung oder Therapie ersetzen, sondern erste Orientierung und Unterstützung geben“, betont das Team.

Die Technologie wurde auf der Plattform Botpress entwickelt und nutzt Large Language Models, um auf individuelle Anfragen persönlich und in der richtigen Sprache zu antworten.

Sensibilisierung von Unternehmen

Neben dem Hilfe-Chat verfolgt myProtectify einen zweiten strategischen Ansatz: Workshops und Impulsvorträge für Unternehmen. „Arbeitgeber haben die Macht, eine sichere Umgebung zu schaffen. Hätte ich damals eine Anlaufstelle wie myProtectify gehabt, wäre mein Weg vielleicht anders verlaufen“, so Sogol.

Die Workshops sind individuell gestaltet, für jedes Budget und jede Unternehmensgröße umsetzbar – digital oder in Präsenz. Sie sensibilisieren Führungspersonen und Mitarbeitende für das Thema und machen Hilfsangebote sichtbar. Unternehmen wie SAP haben bereits mit myProtectify zusammengearbeitet.

Finanzierung und Förderung

Das gemeinnützige Startup finanziert sich größtenteils über Fördermittel, ergänzt durch Preisgelder, Spenden und Einnahmen aus Workshops. Eine wichtige Unterstützung war das GATEWAY49-Programm (Batch VI), in dem Maya ihren Anfang nahm, sowie Innoimpact der IFB Hamburg.

Die Kieler Gründungsszene spielte eine entscheidende Rolle: Der „Start a Start-up“-Kurs von opencampus.sh in Kiel legte die Grundlagen für myProtectify. Zudem nimmt Sogol am „Ten More In Leadership Coaching“ für Frauen teil, das unter anderem von Lea-Sophie Cramer gegründet wurde.

Auszeichnungen und Anerkennung

Die innovative Arbeit von myProtectify wurde bereits mehrfach gewürdigt:

Soroptimist Deutschland Preis 2025

Am 8. März 2025, dem internationalen Frauentag, erhielt Sogol Kordi den mit 20.000 Euro dotierten Soroptimist Deutschland Preis im Französischen Dom in Berlin. Die Auszeichnung würdigt Personen und Organisationen, die sich in besonderer Weise für die Verbesserung der Stellung der Frau in der Gesellschaft einsetzen. Schirmherrin ist Elke Büdenbender, die in einer Videobotschaft die Bedeutung der Arbeit unterstrich.

Innovation in Digital Equality Award (IDEA)

Der Hamburger Senat vergab 2024 den IDEA-Award an myProtectify. Mit dem Preis werden Innovation und Engagement im Bereich der Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit im digitalen Raum honoriert.

STARTERiN Award 2025 und Forbes 30under30

Sogol Kordi wurde außerdem mit dem STARTERiN Award 2025 in Hamburg ausgezeichnet und erhielt einen Platz auf der renommierten Forbes 30under30-Liste.

Die Vision: Gesellschaftlicher Wandel

myProtectify setzt dort an, wo das Hilfesystem an seine Grenzen kommt. In Deutschland wird jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Die erschreckende Realität: Viele Betroffene zögern, Hilfe zu suchen – aus Scham, wegen Sprachbarrieren oder weil die Hilfsangebote fragmentiert und schwer zugänglich sind.

„Wir zeigen klar Haltung gegen häusliche Gewalt, sprechen offen darüber und treiben gesellschaftlichen Wandel voran. Jeder Mensch hat das Recht auf Sicherheit und Hilfe“, lautet das Credo des Teams.

Herausforderungen und Zukunft

Eine der größten Herausforderungen ist es, das Tabu rund um häusliche Gewalt zu brechen. „Viele Menschen meiden das Thema, wodurch es anfangs schwierig war, darüber zu sprechen und die nötige Unterstützung zu finden“, erklärt Sogol Kordi. Role Models aus der Unternehmerschaft werden gesucht, um Führungskräfte zu motivieren, sich aktiv zu engagieren.

Das Wachstum von myProtectify hängt stark davon ab, dass das Thema häusliche Gewalt sichtbarer wird und Unternehmen, Organisationen sowie politische Akteure aktiv zur Lösung beitragen. Geplant sind:

  • Erweiterung der KI-Funktionalitäten für noch bessere Unterstützung
  • Weitere Sensibilisierungsworkshops für Unternehmen
  • Strategische Kooperationen mit Förderinstitutionen, Forschungseinrichtungen, Politik und Tech-Partnern

„Wir brauchen Unternehmen, Institute, die Politik, um die Wahrnehmung häuslicher Gewalt zu erhöhen und myProtectify als niedrigschwelliges Angebot in die Ersthilfe zu integrieren“, so Sogol Kordi.

Fazit: Wenn persönliche Erfahrung zu gesellschaftlichem Impact wird

myProtectify ist mehr als ein Startup – es ist eine Mission. Sogol Kordi hat ihre traumatischen Erfahrungen in eine Kraft verwandelt, die anderen hilft. Ihre Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie persönliche Betroffenheit gepaart mit unternehmerischem Mut und technologischer Innovation zu echtem gesellschaftlichen Wandel führen kann.

Das Team hat gelernt, dass Angst nicht dauerhaft ist, sondern oft ein Zeichen dafür, dass man an einem Wendepunkt steht. Ihr wichtigster Tipp: „Bleibt dran, auch wenn es schwer wird. Die schwierigsten Phasen gehen vorbei – und wer durchhält, wächst daran.“

Mit Maya haben sie ein Tool geschaffen, das Betroffenen genau dann zur Seite steht, wenn sie es am dringendsten brauchen – anonym, sicher und ohne Vorurteile. Und sie haben bewiesen: Auch Arbeitsplätze können und müssen zu Safe Spaces für Betroffene werden.

Fotos: Armin Oehmke

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