platoniq.health: Das Berliner Startup, das Einsamkeit von innen heraus bekämpft

Über zehn Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Die gesundheitlichen Folgen sind längst wissenschaftlich belegt, von Depressionen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu verkürzter Lebenserwartung. Trotzdem gibt es kaum konkrete Hilfsangebote. Das Berliner Startup platoniq.health will diese Lücke schließen. Nicht mit einer weiteren Kontakt- oder Meetup-Plattform, sondern mit einem psychologischen Ansatz, der bei den Betroffenen selbst ansetzt.

Kein Tinder für Einsame

Die Intuition liegt nahe: Wer einsam ist, braucht einfach mehr Kontakte. Also Vereine, Events, Dating-Apps. Gründer Dr. Silvan Hornstein, Psychologe mit Forschungsstationen an der Oxford University, der HU Berlin und der FU Berlin, sieht das anders und beruft sich auf Metaanalysen der Einsamkeitsforschung. Mehr soziale Kontakte bedeuten demnach nicht automatisch weniger Einsamkeit. Sonst wäre kaum erklärbar, warum gerade junge Menschen in Großstädten mit nahezu unbegrenzten Kontaktmöglichkeiten besonders häufig betroffen sind. Eine vielzitierte Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2024 zeigt, dass 46 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland von moderater bis starker Einsamkeit berichten.

Hornsteins These: Einsamkeit entsteht nicht durch fehlende Gelegenheiten, sondern durch innere Muster. Gemeint sind eingeübte Denk- und Verhaltensweisen, die echte Nähe verhindern. Wer etwa davon überzeugt ist, dass sich niemand wirklich für einen interessiert, wird auch mit hunderten neuen Kontakten kaum tiefe Beziehungen aufbauen können.

Was die App konkret macht

platoniq.health ist ein sechswöchiges Programm mit 60 Lerneinheiten, Reflexionsübungen und Alltagschallenges. Im Kern nutzt die App drei psychologische Hebel.

Der erste ist kognitive Umstrukturierung, eine bewährte Technik aus der Verhaltenstherapie. Sie hilft dabei, hinderliche Überzeugungen über Beziehungen zu identifizieren und schrittweise zu verändern. Der zweite Hebel sind Verhaltensexperimente. Nutzer:innen üben beispielsweise, persönliche Dinge mit anderen zu teilen, was als zentraler Mechanismus bei der Entstehung von Nähe gilt. Die App unterstützt dabei, die oft unbegründete Angst vor Ablehnung zu überwinden und neue Verhaltensweisen im Alltag zu verankern. Der dritte Baustein ist ein Beziehungstracker, der soziale Kontakte als kleine Pflanzen visualisiert. So wird sichtbar, welche Beziehungen regelmäßig gepflegt werden und welche zu verkümmern drohen. Das schafft Bewusstsein und fördert Kontinuität im Kontakt.

All das funktioniert in durchschnittlich 25 Minuten pro Woche. Kein Therapeutenstuhl, keine Gruppensitzung, nur ein Smartphone und die Bereitschaft, sich mit den eigenen Mustern auseinanderzusetzen.

platoniq.health Screenshots

Erste Studie zeigt Wirkung

Dass der Ansatz funktioniert, belegt eine präregistrierte Pilotstudie mit rund 100 Teilnehmer:innen, die gemeinsam mit der Humboldt-Universität Berlin durchgeführt wurde. Die Teilnehmer:innen starteten mit einem durchschnittlichen Einsamkeitswert von 25,7 auf der UCLA-9-Skala, wobei Werte ab 18 bereits als erhöhte Belastung gelten. Nach vier Wochen berichteten knapp 75 Prozent von einer reduzierten Einsamkeitsbelastung. Statistisch entspricht das einem mittelgroßen Effekt (Cohens d = 0,7). Auch nach acht Wochen blieb die Verbesserung stabil (d = 0,6). Zusätzlich stieg die soziale Kompetenz der Teilnehmer:innen signifikant, ebenso die wahrgenommene soziale Unterstützung. Lediglich beim Stressempfinden konnte kein signifikanter Effekt nachgewiesen werden.

Die Studie hat Einschränkungen, insbesondere fehlt eine Kontrollgruppe und das Follow-up war auf acht Wochen begrenzt. Eine größere Folgestudie mit Kontrollgruppe und längerem Beobachtungszeitraum ist laut den Gründern bereits in Planung. Der wissenschaftliche Ansatz wurde zudem in der Fachzeitschrift „Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis“ publiziert.

Die Gründungsgeschichte: Vom Forschungsinteresse zum Startup

Die Idee entstand aus Hornsteins Promotionsforschung zu digitalen Interventionen in der psychischen Gesundheitsversorgung. Zwei Erkenntnisse waren entscheidend. Zum einen, dass Prävention im Gesundheitssystem massiv unterfinanziert ist, weniger als fünf Prozent der Gesundheitsausgaben fließen in diesen Bereich. Zum anderen, dass innerhalb der Prävention ein ganzes Feld fast vollständig fehlt: die soziale Gesundheit. Die WHO definiert sie als gleichberechtigte Dimension neben körperlicher und psychischer Gesundheit. Im realen Versorgungssystem taucht sie allerdings kaum auf. Für körperliche Fitness gibt es ein gesellschaftliches Bewusstsein und eine breite Infrastruktur. Für die Pflege sozialer Beziehungen, empirisch nachweislich genauso gesundheitsrelevant, existiert fast nichts.

Bei der Berlin University Alliance gewann Hornstein mit dem Projekt den Ideenwettbewerb in der Kategorie „Sozialer Zusammenhalt“. Gemeinsam mit Daniel Stachnik, der die Softwareentwicklung verantwortet, und Lara Sachs auf der Wirtschaftsseite gründete er das Team. Seit Sommer 2025 wird platoniq.health durch das EXIST-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert. Das Startup sitzt im Inkubator von Humboldt Innovation.

Das Geschäftsmodell: Richtung Regelversorgung

Die App hat bereits über 500 Nutzer:innen. Langfristig will platoniq.health aber mehr als ein reines Verbraucherprodukt sein. Das erklärte Ziel ist die Integration in die Regelversorgung des Gesundheitssystems. Da Einsamkeit keine offizielle Krankheitsdiagnose ist, greift das klassische Versorgungssystem bislang nicht. Genau diese Lücke will das Startup schließen. Über Einsamkeit hinaus plant das Team perspektivisch, das Angebot auf weitere Bereiche sozialer Gesundheit auszuweiten, etwa Arbeitsbeziehungen, romantische Partnerschaften und allgemeine Beziehungspflege.

Prävention statt Reparatur

platoniq.health setzt an einer Stelle an, die das Gesundheitssystem bislang weitgehend ignoriert. Der Ansatz ist wissenschaftlich fundiert, die ersten Daten sind vielversprechend, und das Problem, eine Einsamkeitsepidemie, die besonders junge Erwachsene trifft, ist unbestritten groß. Ob das Startup es schafft, psychologische Interventionen gegen Einsamkeit tatsächlich in die Breite zu bringen, wird auch davon abhängen, wie schnell sich regulatorische Wege öffnen. Die Richtung stimmt.

Sechs Fragen an Dr. Silvan Hornstein

Silvan, wenn man „App gegen Einsamkeit“ hört, denkt man unweigerlich an eine Art Tinder für Freundschaften. Warum ist das der falsche Reflex?

Weil er auf einer Annahme beruht, die so nicht stimmt. Die Vorstellung ist: Einsame Menschen haben zu wenig Kontakte, also muss man ihnen welche verschaffen. Aber das bildet die Forschungslage nicht ab. Gerade junge Leute in Großstädten haben oft kein Problem damit, neue Menschen kennenzulernen. Sie haben volle Handys und gehen auf Partys. Das Gefühl der Einsamkeit bleibt trotzdem. Weil das eigentliche Problem woanders liegt, nämlich in der Fähigkeit, aus flüchtigen Begegnungen echte, tiefe Verbindungen zu machen. Und genau da setzen wir an.

Was genau passiert denn in der App? Man stellt sich das schwer vor, Beziehungsfähigkeit mit dem Smartphone zu trainieren.

Im Grunde übersetzen wir Techniken, die in der klinischen Psychologie seit Jahrzehnten erprobt sind, in ein alltagstaugliches Format. Ein Beispiel: Viele einsame Menschen tragen Überzeugungen mit sich herum wie „Ich bin zu langweilig“ oder „Wenn ich mich öffne, werde ich abgelehnt“. Das sind keine Fakten, sondern Denkmuster, und die lassen sich verändern. Dazu kommen praktische Übungen. Zum Beispiel bewusst jemandem etwas Persönliches erzählen und beobachten, was wirklich passiert. Meistens ist die Reaktion viel positiver als befürchtet. Und dann gibt es noch den Beziehungsgarten, in dem soziale Kontakte als Pflanzen dargestellt werden. Das klingt spielerisch, hat aber einen ernsten Hintergrund: Konsistenz im Kontakt ist einer der wichtigsten Faktoren für stabile Beziehungen.

Du bist Psychologe und hast zu digitalen Interventionen promoviert. Was hat dich dazu gebracht, aus der Forschung ein Startup zu machen?

Zwei Dinge, die mich nicht mehr losgelassen haben. Erstens: Unser Gesundheitssystem gibt den allergrößten Teil seiner Mittel für die Behandlung von bereits erkrankten Menschen aus. Für Prävention bleibt fast nichts übrig. Und zweitens: Selbst innerhalb der Prävention gibt es einen riesigen blinden Fleck. Jeder weiß inzwischen, dass Bewegung gesund ist. Aber dass soziale Beziehungen einen vergleichbaren Einfluss auf unsere Gesundheit und Lebenserwartung haben, ist kaum jemandem bewusst. Es gibt Fitnessstudios an jeder Ecke, aber kein einziges Angebot, das Menschen systematisch dabei hilft, ihre Beziehungsfähigkeit zu stärken. Diese Lücke wollte ich nicht nur beschreiben, sondern schließen.

Eure Pilotstudie zeigt erste positive Ergebnisse. Gleichzeitig fehlt noch eine Kontrollgruppe. Wie ordnest du die Daten selbst ein?

Die Ergebnisse sind ermutigend, keine Frage. Ein mittelgroßer Effekt nach nur vier Wochen, der auch nach acht Wochen stabil bleibt, das ist ein starkes Signal. Aber wir sind Wissenschaftler, wir wissen, dass eine einarmige Studie nur ein erster Schritt ist. Deshalb planen wir bereits eine größere Folgestudie mit Kontrollgruppe und längerem Beobachtungszeitraum. Was mich persönlich am meisten gefreut hat: Die Ergebnisse passen exakt zu dem, was große Metaanalysen über psychologische Einsamkeitsinterventionen bereits zeigen. Wir erfinden das Rad nicht neu, wir machen es zugänglich.

Wo soll platoniq.health in drei Jahren stehen?

Wir wollen, dass soziale Gesundheit im Gesundheitssystem genauso selbstverständlich adressiert wird wie körperliche oder psychische Gesundheit. Konkret heißt das: Wir arbeiten darauf hin, unser Angebot in die Regelversorgung zu integrieren. Einsamkeit ist kein Luxusproblem und kein Lifestyle-Thema, sondern ein Gesundheitsrisiko. Und wir wollen über Einsamkeit hinauswachsen. Beziehungsgesundheit betrifft viele Lebensbereiche, von Freundschaften über das Arbeitsumfeld bis hin zu romantischen Partnerschaften. Für all diese Bereiche braucht es evidenzbasierte Werkzeuge. Die wollen wir bauen.

Mehr über platoniq.healths Angebot kannst du auf platoniq.health/de erfahren.

Copyright Titelbild oben: Leo Seidel.

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