Wie Berliner Startups den Milliardenmarkt der Privatabrechnung aufmischen

Ein Markt mit über 100-jähriger Geschichte, ein Forderungsvolumen im zweistelligen Milliardenbereich und eine Anbieterlandschaft, in der genossenschaftliche Verrechnungsstellen und Bertelsmann-Töchter dominieren – die privatärztliche Abrechnung gehört zu den großen Backoffices im deutschen Gesundheitswesen, in denen trotz vorhandener digitaler Schnittstellen weiterhin Medienbrüche, Papierprozesse und fragmentierte Einzellösungen den Alltag prägen. Genau hier setzen junge Health-Fintechs wie Nelly Solutions an. Mit Erfolg: Allein im Januar 2025 sammelte das Berliner Startup 50 Millionen Euro in einer Series-B-Runde ein.

Ein Markt, der zur Disruption einlädt

Wer einmal in einer Privatpraxis war, kennt das Klemmbrett mit dem mehrseitigen Anamnesebogen, die handschriftliche Patientenkarte und die Honorarrechnung, die Wochen später per Post eintrudelt. Hinter diesen Prozessen steht ein riesiger Markt: Allein die Dr. Güldener Gruppe – einer der etablierten Player – wickelt nach eigenen Angaben jährlich rund 9 Milliarden Euro Forderungsvolumen ab. Der Verband der Privatärztlichen Verrechnungsstellen (PVS) gibt an, bundesweit 13 Privatärztliche Verrechnungsstellen zu vertreten, die zusammen mehr als 50.000 Ärztinnen, Ärzte, Zahnärzte und leitende Krankenhausärzte repräsentieren.

Das Healthcare-Factoring – also der Ankauf von Honorarforderungen durch spezialisierte Dienstleister – wächst dabei seit Jahren. Ältere Branchenangaben sahen im Healthcare-Factoring überproportionale Zuwächse von bis zu zwölf Prozent pro Jahr; der gesamte deutsche Factoring-Markt wuchs im ersten Halbjahr 2025 laut Deutschem Factoring-Verband um 8,9 Prozent. Klar ist: Der Markt zieht an, getrieben von steigenden Selbstzahleranteilen und dem Liquiditätsbedarf der Praxen.

Der Haken: Die Anbieterlandschaft ist fragmentiert und intransparent. Die etablierten Player – PVS-Strukturen mit einer über 100-jährigen Geschichte, BFS health finance (Tochter der arvato/Bertelsmann-Gruppe), Dr. Güldener Gruppe (1953 gegründet), mediserv Bank – bedienen den Markt seit Jahrzehnten mit Factoring-Modellen, GOÄ-Beratung und etablierten Schnittstellen wie PADneXt. Eine aktuelle Marktübersicht zu den etablierten Abrechnungsdienstleistern für Ärzte zeigt, wie heterogen das Feld aufgestellt ist und warum die Markteintrittsbarrieren hoch sind: GOÄ-Expertise, BaFin-Regulierung beim echten Factoring, tiefe Integration in Praxisverwaltungssoftware – das alles ist kein Spielfeld für Quereinsteiger.

Genau das macht den Markt für Tech-Gründer dennoch interessant: planbare Erlösmodelle, hoher Digitalisierungsbedarf in der Last Mile, regulatorische Eintrittsbarrieren und potenziell hohe Kundenbindung.

Nelly Solutions: Vom digitalen Klemmbrett zum Fintech mit europäischer Ambition

Das prominenteste Beispiel ist Nelly Solutions. Gegründet wurde das Berliner Startup 2021 von Niklas Radner, Lukas Eicher, Rasmus Schults, Laurids Seibel und Tobias Heuer – ein Team mit Fintech-DNA, mit Stationen bei Klarna und N26. Die ursprüngliche Idee klang erstaunlich profan: das Klemmbrett digitalisieren, das Patienten am Empfang in die Hand gedrückt bekommen.

Aus dieser Anmelde-Software wurde innerhalb von vier Jahren ein vollumfängliches „Financial Operating System“ für Arztpraxen. Heute deckt Nelly nach eigenen Angaben den gesamten Praxisbesuch digital ab: Patientenaufnahme per QR-Code, digitale Anamnese, Dokumentenunterschrift per Smartphone, Zahlung per Apple Pay oder Kreditkarte – und im Hintergrund läuft ein Factoring-Modell, mit dem Praxen sofortige Liquidität erhalten.

Der Aufstieg lässt sich an den Finanzierungsrunden ablesen:

  • April 2022: Seed-Runde über 4 Millionen Euro, mit Angel-Investorinnen wie Verena Pausder und Diana zur Löwen
  • Juni 2023: 15 Millionen Euro mit Lakestar als Lead-Investor
  • Oktober 2024: 100 Millionen Euro Refinanzierungslinie der Vereinigten Volksbank zur Skalierung des Factoring-Geschäfts
  • Januar 2025: Series B über 50 Millionen Euro, geführt von Cathay Innovation und Notion Capital

Im Sommer 2024 verkündete Nelly außerdem eine Partnerschaft mit dem niederländischen Zahlungsanbieter Adyen, die POS-Terminals, Bankkonten und Firmenkreditkarten direkt in die Praxissoftware integriert. Im selben Jahr startete der Markteintritt in Italien – ein Markt, in dem laut Nelly rund 70 Prozent der Behandlungen auf Selbstzahlerbasis erfolgen.

Nach Unternehmensangaben nutzen aktuell mehr als 2.000 Arztpraxen die Plattform. CEO Niklas Radner formulierte die Ambition gegenüber dem Handelsblatt unmissverständlich: „Unsere Vision ist es, Europas größtes Fintech im Gesundheitswesen zu werden.“

Was Nelly anders macht – und warum das die Etablierten herausfordert

Im Kern unterscheidet sich Nelly von klassischen Verrechnungsstellen wie PVS oder BFS health finance an drei Stellen:

1. Der gesamte Patientenfluss aus einer Hand. Während traditionelle Anbieter überwiegend am Ende der Wertschöpfungskette ansetzen, nämlich bei der bereits ausgestellten Rechnung, beginnt Nelly bereits bei der Patientenaufnahme. Damit liegen alle relevanten Daten (Versicherungsstatus, Bonität, Einwilligungen) bereits beim Anbieter, bevor überhaupt eine Behandlung stattgefunden hat.

2. Bestandssoftware ergänzen statt ersetzen. Nelly tritt nicht als Praxisverwaltungssystem an, sondern dockt über Schnittstellen an die bestehenden Systeme an. Das senkt die Wechselhürde erheblich – ein wichtiger Faktor in einem Markt, in dem Praxisinhaber notorisch wechselresistent sind.

3. Tiefe Integration in den Zahlungsverkehr. In dieser Kombination aus Praxis-Workflow, Payment, Embedded Banking und Factoring tritt Nelly anders auf als viele klassische Verrechnungsstellen. Einzelne etablierte Anbieter sind allerdings ebenfalls finanzdienstleistungsnah positioniert: BFS health finance gehört zur Riverty/Bertelsmann-Gruppe und bietet umfangreiches Factoring an, die mediserv Bank verfügt seit 2013 über eine Vollbanklizenz.

Der Markt zieht an – aber nicht ohne Reibung

Nelly ist nicht ohne Kontroversen. Das Branchenmagazin Finance Forward sowie Business Insider berichteten Ende 2024 kritisch über die Zusammenarbeit mit der Hamburger Varengold Bank, die in den Cum-Ex-Komplex involviert war und Nelly anfangs als Factoring-Partner diente. Mit dem Einstieg der Vereinigten Volksbank verlagert das Startup diesen Teil des Geschäfts inzwischen weg von Varengold – ein typisches Wachstumsthema für junge Fintechs, die schnell skalieren müssen und dabei Partner-Kompromisse eingehen.

Auch operativ ist die Skalierung anspruchsvoll: Echtes Factoring ist nach dem Kreditwesengesetz (KWG) erlaubnispflichtig und unterliegt der BaFin-Aufsicht. Wer ärztliche Honorarforderungen ankauft, muss Kreditrisiken managen, Bonitätsprüfungen durchführen und sich mit Datenschutzregimen wie der DSGVO im sensiblen Patientenkontext auseinandersetzen.

Fazit: Wenig Sichtbarkeit, viel Hebel

Die Privatabrechnung gehört nicht zu den glamourösen Themen der deutschen Startup-Szene – Generative AI, Robotaxis und Defense-Tech bekommen mehr Aufmerksamkeit. Aber genau in solchen unsichtbaren B2B-Backoffices entstehen oft die solidesten Geschäftsmodelle: planbare Software-Umsätze, regulatorische Burggräben, die einmal überwunden zur Wettbewerbsbarriere werden, und Kundenbeziehungen, die selten gewechselt werden.

Nelly Solutions ist der bislang sichtbarste Beweis, dass auch in diesem Segment große Wachstumsrunden im hohen zweistelligen Millionenbereich und zusätzliche Factoring-Finanzierungslinien möglich sind. Ob daraus tatsächlich „Europas größtes Fintech im Gesundheitswesen“ wird, hängt davon ab, ob es dem Startup gelingt, die Internationalisierung und das Factoring rund um kassenärztliche Abschlags- und Restzahlungen über die KVen zu skalieren – ein deutlich größeres Spielfeld als die bisherige Selbstzahler-Nische.

Für etablierte Verrechnungsstellen heißt das: Der Innovationsdruck steigt. Wer in zehn Jahren noch relevant sein will, muss mehr bieten als GOÄ-Expertise und ein Web-Portal aus den frühen 2000ern.


Quellen: Handelsblatt (2025), EU-Startups (2025), FinanceFWD (2023, 2024), Business Insider/Gründerszene (2024), Adyen Pressemitteilung (2024), unitednetworker.com (2022), Nelly Solutions (Unternehmensangaben), Deutscher Factoring-Verband (Halbjahresbericht 2025), medizinio.de, abrechnungsstelle.com, PVS Verband / Lobbyregister Deutscher Bundestag.

Zeen Social Icons