Die unterschätzte Rolle der Sparkassen im Venture Capital-Markt

Deutsche Startups haben kein Ideen-, sondern ein Finanzierungs- und Strukturproblem. Gut vernetzte Sparkassen können helfen, die Lücke zwischen Gründung, Kapital und Wachstum zu schließen.

Gastbeitrag von Jochen Schönleber, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Mainfranken Würzburg und Mitinitiator des VC-Fonds 14leafs

Die ersten Monate nach der Gründung eines Startups verlaufen oft ähnlich: Auf die anfängliche Euphorie folgt ein „Und jetzt?“. Was fehlt, sind dann häufig Kapital, Kontakte, Erfahrung. Es mangelt weder an Engagement noch an technologischem Know-how. Doch der Übergang von der Idee zum Unternehmen ist in Deutschland schwer. Dabei zeigen aktuelle Zahlen ein klares Bild: Allein 2025 wurden nach Zahlen von Ernst & Young in Deutschland rund 3.600 neue Startups gegründet. Das ist ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ideen entstehen also in großer Zahl und das längst nicht nur in den bekannten Hotspots. Trotzdem gelingt es zu selten, aus einer Idee ein skalierbares Unternehmen zu entwickeln. Das ist den Strukturen geschuldet, etwa fehlendem Zugang zu Kapital in frühen Phasen. Hinzu kommt eine Kultur, die Risiken oft stärker gewichtet als Chancen – und damit frühes Engagement ausbremst.

Kapital vorhanden, aber nicht da, wo es gebraucht wird

Auf den ersten Blick wirkt der Venture-Markt stabil. 2025 flossen laut KfW Research rund 7,2 Milliarden Euro Venture Capital in deutsche Startups. Doch diese Zahl verdeckt ein strukturelles Problem: Ein großer Teil dieses Kapitals fließt in spätere Finanzierungsrunden oder in wenige, bereits etablierte Standorte. Frühphasige Gründungen, vor allem jenseits der Metropolen, haben deutlich schlechtere Chancen. Das Kapital ist da, erreicht aber die frühen Phasen und die Fläche zu selten.

Gerade Strukturen, die gezielt in der Breite investieren sollen – etwa regionale Fonds – stoßen dabei auf zusätzliche Hürden: Große öffentliche Kapitaltöpfe sind oft schwer zugänglich, Prozesse sind bürokratisch und langwierig, und es fehlt an Pragmatismus. Im internationalen Vergleich verliert Deutschland hier an Geschwindigkeit.

Noch deutlicher wird das bei Betrachtung der Startup-Perspektive selbst: Jedes vierte deutsche Tech-Startup zieht einen Umzug ins Ausland in Betracht, vor allem aufgrund des mangelnden Zugangs zu Kapital. Das ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Warnsignal.

Dabei ist das Potenzial längst nicht auf einzelne Standorte begrenzt: Gute Ideen gibt es nicht nur in Berlin oder München. Sie entstehen auch in forschungsstarken Regionen, im Mittelstand und in industriellen Clustern. Was diesen Regionen allerdings häufig fehlt, sind ein etabliertes System, Kapital, Netzwerke, unternehmerische Erfahrung und verlässliche Strukturen. Entscheidend ist die Übersetzung von Forschung in marktfähige Geschäftsmodelle.

Warum Sparkassen Teil der Lösung sein können

Sparkassen sind keine klassischen Venture Capital-Investoren. Und sie müssen es auch nicht werden. Ihre Stärke liegt in ihrer Nähe zur Wirtschaft. Sie kennen Unternehmen und ihre Entscheider, sie begleiten Entwicklungen über Jahre, und sie sind tief in regionale Strukturen eingebunden. Sie haben oft früh Zugang zu Gründern und Geschäftsideen.

Diese Nähe ist kein theoretischer Vorteil, sondern Teil der wirtschaftlichen Realität in Deutschland: Sparkassen gehören für viele Gründer sowie mittelständische Unternehmen ohnehin zu den ersten Ansprechpartnern, wenn es um Finanzierung, Beratung und wirtschaftliche Entwicklung geht. Damit sind sie im Gründungsumfeld ein naheliegender, gewissermaßen geborener Partner. Wer früh mit Unternehmen in Kontakt steht, erkennt auch früher, wo aus einer Idee ein tragfähiges Geschäftsmodell entstehen kann – und wo zusätzliche Partner, Kapitalgeber oder Netzwerke gebraucht werden.

Genau hieraus ergibt sich eine Rolle im Venture-Markt, die bislang unterschätzt wird: Sparkassen können als Scout und Vermittler agieren. Sie bringen Akteure zusammen – Kapitalgeber, Unternehmen, Netzwerke – und tragen dazu bei, Finanzierung nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil regionaler Entwicklung. Das ist kein Ersatz für Venture Capital, aber eine wichtige Ergänzung. Denn Sparkassen finanzieren nicht primär selbst, sie ermöglichen Finanzierung überhaupt erst.    

Diese Rolle zeigt sich auch in konkreten Strukturen. Mit der 360° Base, ihrem Zentrum für Gründung und Nachfolge, unterstützt die Sparkasse Mainfranken Würzburg Gründerinnen und Gründer bereits heute in unterschiedlichen Phasen. Dort geht es nicht nur um Finanzierung, sondern um Austausch, Beratung, Netzwerkaufbau und praktische Begleitung. Solche Initiativen zeigen, dass Gründungsförderung längst mehr ist als die Vergabe von Krediten. Sie schafft Räume, in denen Ideen weiterentwickelt, Kontakte geknüpft und unternehmerische Kompetenzen aufgebaut werden können.

Gleichzeitig gilt: Venture Capital folgt anderen Regeln als das klassische Bankgeschäft. Die Risiken sind höher, die Zeithorizonte länger, und auch regulatorische Anforderungen spielen eine größere Rolle. Historische Erfahrungen und strukturelle Vorbehalte erklären daher die bisherige Zurückhaltung.  Gerade deshalb braucht es klare Rollen: professionelles Fondsmanagement auf der einen Seite, regionale Nähe und Netzwerke auf der anderen.

Was Startups wirklich brauchen

Für Gründer ist die Diskussion ohnehin weniger theoretisch, sondern praktisch. Startups benötigen Kapital (im Schnitt 2,5 Millionen Euro), aber sie brauchen auch Zugang zum Markt, kaufmännische Kompetenz und belastbare Netzwerke. Entscheidend ist eine enge Begleitung durch erfahrene Partner. Ein funktionierendes Ökosystem entsteht erst durch das Zusammenspiel von Hochschulen, Investoren, Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Genau hier liegen Herausforderung und Chance.

Ein Ansatz wie der Venture Capital-Fonds 14leafs zeigt, wie ein solches Zusammenspiel aussehen kann: Forschung, Kapital und unternehmerische Erfahrung werden gezielt miteinander verbunden. Bei 14leafs kommen mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, der Sparkasse Mainfranken Würzburg und StellaVent Capital drei Perspektiven zusammen, die im deutschen Gründungsökosystem oft getrennt gedacht werden: wissenschaftliche Exzellenz, regionale Verankerung und professionelles Fondsmanagement. Dadurch entsteht ein Modell, das frühe technologiegetriebene Gründungen nicht nur mit Kapital versorgen, sondern in ein tragfähiges Umfeld einbetten soll.

Für die Sparkasse Mainfranken Würzburg ist 14leafs damit keine isolierte Einzelinitiative, sondern die Erweiterung eines bestehenden Engagements. Die Verbindung aus Infrastruktur, Netzwerk und Finanzierung wird um Venture Capital ergänzt. Genau darin liegt der Mehrwert: Gründerinnen und Gründer erhalten nicht nur Zugang zu Kapital, sondern zu einem Umfeld, das Wachstum wahrscheinlicher macht.

Der entscheidende Punkt ist nicht das Instrument selbst, sondern die Logik dahinter. Kapital wird nicht isoliert bereitgestellt, sondern eingebettet in ein Netzwerk, das Gründungen wirklich trägt. Solche Modelle zeigen, dass Alternativen zu bestehenden Strukturen möglich sind.

Mehr ermöglichen, weniger verwalten

Wenn Deutschland seine Innovationskraft besser nutzen will, braucht es keine neuen Schlagworte. Es braucht bessere Strukturen, schnellere Entscheidungen und mehr Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Innovationsfreude und Ideen sind vorhanden. Nun geht es darum, Innovationen auch wirklich zu ermöglichen. Venture Capital darf dabei kein Nischenthema für wenige Standorte bleiben. Es ist ein zentraler Baustein wirtschaftlicher Zukunftsfähigkeit, vor allem in der Breite.

Sparkassen können dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Nicht als Ersatz für Investoren, sondern als verbindendes Element zwischen Idee, Kapital und Markt. Regionalität ist kein Widerspruch zu Wachstum. Sie kann eine entscheidende Voraussetzung sein.

Gerade weil Sparkassen bereits heute tief in der Unternehmensfinanzierung verankert sind, sollten sie im Gründungs- und Innovationssystem stärker mitgedacht werden. Ihre Rolle beginnt nicht erst beim Kreditvertrag, sondern dort, wo Gründer Orientierung suchen, Netzwerke brauchen und aus einer Idee ein belastbares Geschäftsmodell entwickeln wollen.

Wenn Deutschland mehr aus seinen Ideen machen will, muss Finanzierung früher, vernetzter und mutiger gedacht werden. Sparkassen können dabei eine Rolle spielen, die lange unterschätzt wurde: nicht als Ersatz für Venture Capital, sondern als Ermöglicher. Damit aus Gründung Wachstum werden kann – und aus regionaler Stärke wirtschaftliche Zukunft.

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