PISA im KI-Zeitalter: Warum Grundkompetenzen jetzt wichtiger werden – nicht unwichtiger

Die neuen PISA-Ergebnisse zeigen erneut deutliche Schwächen bei Lesen, Rechnen und Sachverständnis. Ein naheliegender Reflex lautet: Das ist halb so wild, KI kann das ja alles. Magdalena Oehl, Unternehmerin und stellvertretende Vorsitzende der Bildungsinitiative STARTUP TEENS, hält genau das für den Denkfehler.

Wer nichts einordnen kann, kann auch KI nicht einordnen

Antworten sind heute in Sekunden verfügbar. Jede Schülerin, jeder Schüler hat rund um die Uhr Zugriff auf ein System, das zu praktisch jeder Frage etwas ausgibt. Und das ist meist flüssig formuliert, selbstbewusst vorgetragen und manchmal schlicht falsch.

Genau hier setzt Oehls Einwand an. Fehlende Grundkompetenzen würden durch KI nicht ausgeglichen, sagt sie, sondern im Gegenteil:

„KI kompensiert fehlende Grundkompetenzen nicht, sie verschärft das Problem.“

Die Logik dahinter ist unmittelbar einleuchtend. Wer einen Text nicht sicher versteht, wer Zahlen nicht einordnen und Informationen nicht bewerten kann, hat keine Möglichkeit zu beurteilen, ob eine KI-Antwort trägt oder Unsinn ist. Das Werkzeug wird damit nicht harmloser, sondern riskanter, weil die Prüfinstanz fehlt.

Für Gründerinnen und Gründer ist das ein vertrautes Muster: Ein Tool beschleunigt Arbeit nur dann, wenn jemand die Ergebnisse fachlich einschätzen kann. Andernfalls beschleunigt es vor allem Fehler.

Die wertvollere Fähigkeit: die richtige Frage

Oehl verschiebt den Fokus noch an einer zweiten Stelle. Wenn Antworten nichts mehr kosten, verlagert sich der Wert auf das, was davor liegt: erkennen, welches Problem überhaupt gelöst werden muss und die passende Frage stellen.

Das ist im Kern unternehmerisches Denken. Ein Problem identifizieren, eine Idee entwickeln, sie testen, mit Rückschlägen umgehen und Technologie gezielt als Werkzeug einsetzen. Je leistungsfähiger die Systeme werden, desto mehr brauchen Jugendliche laut Oehl „ein eigenes Fundament“, an dem sie Antworten überprüfen und eigene Lösungen entwickeln können.

Bildung nicht vom heutigen Arbeitsmarkt her denken

Der zweite Teil ihres Arguments richtet sich gegen eine verbreitete Reflexlösung, Bildung an den aktuellen Bedarf des Arbeitsmarkts anzupassen.

Ihre Position: Wir bereiten Kinder auf einen Arbeitsmarkt vor, den wir noch nicht kennen. Seriös lässt sich heute nicht sagen, welchen Beruf eine Fünfzehnjährige in zehn oder zwanzig Jahren ausüben wird. Bildung ausschließlich vom Bestehenden her zu denken, hält sie deshalb für falsch.

Was bleibt, sind die Fähigkeiten, die unabhängig vom Berufsbild tragen: lesen, rechnen, Zusammenhänge verstehen. Aus diesem Wissen kann man selbst etwas machen. PISA zeige, so Oehl, dass schon dieses Fundament fehle.

Was das für die Gründerszene bedeutet

Die Debatte wirkt auf den ersten Blick wie ein reines Bildungsthema. Sie ist aber unmittelbar eine Standortfrage.

Wer in fünf bis zehn Jahren Teams aufbauen will, rekrutiert aus genau diesen Jahrgängen. Und in einem Umfeld, in dem KI Routinearbeit übernimmt, verschiebt sich der Wert einer Nachwuchskraft weg vom Abarbeiten hin zum Beurteilen: Stimmt das Ergebnis? Passt die Annahme? Ist das überhaupt die richtige Frage?

Damit wird eine schwache PISA-Bilanz zu einem betriebswirtschaftlichen Thema. Junge Unternehmen, die auf schnelles Lernen und selbstständiges Arbeiten angewiesen sind, spüren fehlende Grundkompetenzen früher als große Organisationen mit ausgebauten Strukturen.

In den Challenges von STARTUP TEENS lässt sich beobachten, was passiert, wenn Jugendliche den Raum bekommen, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Das ist kein Ersatz für schulische Grundbildung – aber es zeigt, wie schnell aus vorhandenem Wissen Handlungsfähigkeit wird, sobald jemand die Gelegenheit dazu bekommt.


Magdalena Oehl ist Unternehmerin, Gründerin und stellvertretende Vorsitzende von STARTUP TEENS. Die Bildungsinitiative vermittelt Jugendlichen unternehmerisches Denken und Zukunftskompetenzen.

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