ADHS-Diagnostik für Erwachsene: Warum der Markt gerade explodiert

Die Nachfrage nach ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen hat sich in Deutschland innerhalb weniger Jahre vervielfacht. Kassenärztliche Anlaufstellen sind hoffnungslos überlastet – und eine neue Generation von Anbietern füllt die Lücke. Ein Blick auf einen Markt, der gerade erst entsteht.

Die Zahlen sind eindeutig: Laut einer Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI), veröffentlicht im Deutschen Ärzteblatt International, haben sich die ADHS-Erstdiagnosen bei Erwachsenen zwischen 2015 und 2024 mehr als verdoppelt. Rund 2,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland erfüllen die diagnostischen Kriterien – das entspricht etwa 1,5 Millionen Menschen. Die allermeisten davon sind nicht diagnostiziert.

Gleichzeitig sind die Wartezeiten bei spezialisierten Kassenärzten und Klinikambulanzen auf sechs bis achtzehn Monate angewachsen. Die ADHS-Schwerpunktambulanz der Uniklinik Frankfurt etwa teilt auf ihrer Website mit, dass sie derzeit keine Termine anbieten kann. Eine Warteliste habe sich als nicht praktikabel herausgestellt. In Berlin hat die Charité-Ambulanz ebenfalls mit hoher Nachfrage zu kämpfen.

Ein Versorgungsengpass als Geschäftsmodell

Was aus Patientensicht ein Problem ist, ist aus Gründersicht eine Marktlücke. Und die wird gerade von mehreren Seiten gleichzeitig besetzt.

Die erste Welle kam von Privatpraxen, die sich auf Erwachsenen-ADHS spezialisiert haben. Die Schwerpunktpraxis ADHS Hamburg etwa behandelt seit Jahren ausschließlich ADHS-Patienten, die calm Tagesklinik hat inzwischen Standorte in Düsseldorf, Frankfurt, München, Stuttgart und Hamburg. Die Preise liegen typischerweise zwischen 600 und 800 Euro für eine vollständige Diagnostik.

Die zweite Welle ist digital. Anbieter wie hej mind (Hamburg), neomentix, Klaro ADHS oder die ADHS Spezialambulanz bieten die komplette Diagnostik per Videocall an – oft mit Wartezeiten von ein bis zwei Wochen statt sechs Monaten. Die Berliner Praxis Vianova hat ihre Online-Diagnostik mittlerweile bundesweit ausgerollt, und GAM Medical kombiniert Online-Diagnostik mit anschließender medikamentöser Behandlung.

Und dann gibt es eine dritte Kategorie: Plattformen und Vergleichsportale, die den fragmentierten Markt für Betroffene navigierbar machen wollen.

Preistransparenz als Kernproblem

Wer als Erwachsener eine ADHS-Diagnose sucht, steht vor einem unübersichtlichen Markt. Die Preisspanne reicht von unter 400 Euro bei einzelnen Online-Anbietern bis über 900 Euro bei Praxen mit umfangreicher neuropsychologischer Testung. Abgerechnet wird nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) oder der Gebührenordnung für Psychotherapeuten (GOP) – für Laien kaum durchschaubar.

Hinzu kommt: Gesetzlich Versicherte zahlen in den meisten Fällen selbst, weil Privatpraxen keine GKV-Abrechnung anbieten. Nur in wenigen Städten – Köln und Düsseldorf stechen hier heraus – gibt es Praxen, die ADHS-Diagnostik als Kassenleistung abrechnen.

Genau an dieser Stelle setzt das im Frühjahr 2026 gestartete Portal adhs-privat.de an: Die Seite listet Anbieter für private ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen mit konkreten Preisen, Wartezeiten und Leistungsumfang – aufgeschlüsselt nach Städten und ergänzt um bundesweite Online-Anbieter. Das Geschäftsmodell setzt perspektivisch auf kostenpflichtige Premium-Profile für Anbieter, nicht auf Patientengebühren.

Was den Markt antreibt

Drei Faktoren treiben die Entwicklung:

Entstigmatisierung über Social Media. ADHS-Content auf TikTok, Instagram und YouTube hat die Aufmerksamkeit für das Thema massiv gesteigert. Erwachsene, die sich in den Beschreibungen wiedererkennen, suchen erstmals gezielt nach Diagnostik. Das ist aus medizinischer Sicht nicht unkritisch – die Gefahr von Selbstdiagnosen und Überdiagnostik wird von Fachverbänden durchaus diskutiert. Aber der grundsätzliche Effekt ist positiv: Viele tatsächlich Betroffene finden durch Social Media erstmals den Weg zur Abklärung.

Telemedizin als Enabler. Die Pandemie hat Videosprechstunden normalisiert. Für die ADHS-Diagnostik, die primär auf Gesprächen und Fragebögen basiert, funktioniert das Online-Format gut. Es gibt keinen Biomarker, keinen Bluttest, keine apparative Diagnostik, die zwingend vor Ort stattfinden muss. Die einzige relevante Einschränkung: Stimulanzien wie Methylphenidat oder Elvanse sind BtM-pflichtig und erfordern für die Verschreibung in der Praxis einen persönlichen ärztlichen Kontakt.

Unzureichende kassenärztliche Versorgung. Die ambulante Versorgung hält mit der Nachfrage nicht Schritt. Niedergelassene Psychiater mit ADHS-Erfahrung sind rar, Klinikambulanzen überlastet. Der Markt für private Diagnostik wächst, weil das kassenärztliche System die Versorgungslücke nicht schließt.

Qualität als offene Flanke

Mit dem schnellen Marktwachstum kommt auch eine berechtigte Frage: Wie seriös sind die neuen Anbieter?

Die S3-Leitlinie der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) definiert klar, was eine leitliniengerechte Diagnostik umfassen sollte: ein ausführliches klinisches Gespräch, die retrospektive Erfassung von Kindheitssymptomen, standardisierte Testverfahren, eine Fremdanamnese und eine gründliche Differenzialdiagnostik, die andere Ursachen ausschließt.

In der Praxis variiert der Umfang erheblich. Manche Anbieter diagnostizieren in zwei Sitzungen, andere nehmen sich fünfeinhalb Sitzungen. Beides kann leitliniengerecht sein – aber Betroffene haben kaum Möglichkeiten, die Qualität vorab einzuschätzen.

Hier liegt eine Chance für Plattformen, die nicht nur Preise, sondern auch Qualitätsmerkmale transparent machen: Wer diagnostiziert? Mit welchen Verfahren? Wie umfangreich ist die Differenzialdiagnostik? Wird ein vollständiger Befundbericht erstellt?

Ausblick: Konsolidierung absehbar

Der Markt ist noch jung und fragmentiert. Es gibt reine Online-Anbieter, Tageskliniken mit ADHS-Schwerpunkt, einzelne Spezialpraxen und erste Vergleichsplattformen. Eine Konsolidierung ist absehbar: Anbieter, die Diagnostik und Behandlung aus einer Hand bieten, haben einen strukturellen Vorteil. Und Plattformen, die Transparenz und Qualitätssicherung liefern, werden für Betroffene zur ersten Anlaufstelle.

Für Gründer ist der ADHS-Diagnostik-Markt ein Lehrstück: Ein massiver Versorgungsengpass im Gesundheitssystem, eine Zielgruppe, die aktiv nach Lösungen sucht, und ein regulatorisches Umfeld, das private Anbieter zulässt, solange die Qualitätsstandards eingehalten werden. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell sich dieser Markt professionalisiert.


Transparenz-Hinweis: Der Inhaber der Seite betreibt das Portal adhs-privat.de.

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