Die Wirtschaftskanzlei Osborne Clarke bringt mit Justima erstmals ein eigenes Legal-Tech-Startup an den Markt. Die Plattform soll Rechts- und Compliance-Abteilungen dabei helfen, regulatorische Änderungen in Europa kontinuierlich zu verfolgen. Der Schritt zeigt, wie stark KI den Rechtsmarkt verändert – und wie Kanzleien versuchen, daraus eigene Produkte zu entwickeln.
Die internationale Wirtschaftskanzlei Osborne Clarke geht einen für den Kanzleimarkt ungewöhnlichen Weg: Mit Justima entsteht nach Unternehmensangaben die erste Ausgründung in der mehr als 250-jährigen Geschichte der Kanzlei. Das Startup entwickelt eine KI-gestützte Plattform für regulatorisches Monitoring und richtet sich vor allem an Rechts- und Compliance-Abteilungen von Konzernen und größeren mittelständischen Unternehmen.
Justima soll täglich mehr als 200 europäische und internationale Rechts- und Regulierungsquellen analysieren. Ziel ist es, Unternehmen nicht mit möglichst vielen Informationen zu versorgen, sondern nur mit solchen Änderungen, die für das jeweilige Geschäftsmodell relevant sind. Damit adressiert das Startup ein Problem, das in vielen Unternehmen bislang mit hohem manuellem Aufwand verbunden ist: Das kontinuierliche Beobachten neuer Vorgaben, Gesetzesänderungen und regulatorischer Entwicklungen.
Regulierungsmonitoring als wachsender Aufwand
Der Bedarf ist nachvollziehbar. Unternehmen in regulierten Branchen müssen Entwicklungen auf nationaler und europäischer Ebene fortlaufend im Blick behalten. Häufig geschieht das noch über Newsletter, manuelle Recherchen, Behördenwebsites oder interne Listen. Für Compliance-Teams bedeutet das: viel Such- und Sortierarbeit, bevor überhaupt eine juristische Bewertung stattfinden kann.
Justima positioniert sich genau an dieser Schnittstelle. Die Plattform will keine klassischen Governance-, Risk- und Compliance-Systeme ersetzen. Sie soll laut Unternehmensangaben weder Risikomatrizen noch Audits abbilden, sondern sich auf einen eng begrenzten Anwendungsfall konzentrieren: das fortlaufende Monitoring regulatorischer Quellen und die Filterung relevanter Änderungen.
Diese Spezialisierung ist ein wichtiger Punkt. Während viele KI-Anwendungen im Rechtsmarkt breit angelegt sind, setzt Justima auf ein vertikales Produkt für einen konkreten Arbeitsprozess. CTO Christian Braun beschreibt den Ansatz mit dem Hinweis, dass in der Compliance nicht entscheidend sei, wie viele Änderungen ein Modell finde, sondern welche es übersehe. Damit verweist er auf ein zentrales Risiko automatisierter Systeme: Gerade im regulatorischen Umfeld ist ein nicht erkannter Treffer oft problematischer als eine zu große Trefferliste.
Kanzlei als Partner und Produktgeber
Für Osborne Clarke ist Justima mehr als ein klassisches Legal-Tech-Projekt. Die Kanzlei tritt als exklusiver Partner auf und bringt ihre regulatorische Expertise in das Produkt ein. An der Spitze von Justima stehen Alexander Lilienbeck als CEO, Christian Braun als CTO sowie Gereon Abendroth als Chairman und Managing Director. Abendroth ist Partner bei Osborne Clarke und Vorsitzender des globalen AI Management Boards der Kanzlei.
Das Gründerteam verbindet juristische und technische Erfahrung. Lilienbeck ist Volljurist und Softwareentwickler. Braun ist auf KI- und Machine-Learning-Systeme spezialisiert und hat nach Unternehmensangaben zuvor bereits zwei KI-Startups gegründet. Abendroth bringt Kanzlei- und Inhouse-Erfahrung sowie den Hintergrund aus der Innovationseinheit Osborne Clarke Solutions ein.
Für den Kanzleimarkt ist das bemerkenswert. Viele Wirtschaftskanzleien beschäftigen sich derzeit mit KI vor allem intern: Dokumentenanalyse, Recherche, Vertragsprüfung oder Effizienzsteigerung in Mandatsprozessen. Osborne Clarke geht mit Justima einen Schritt weiter und beteiligt sich an einer Lösung, die direkt als Produkt für Mandanten und Unternehmen vermarktet werden soll.
Einordnung: Legal Tech wird produktförmiger
Die Ausgründung passt zu einer größeren Entwicklung im Rechtsmarkt. KI verschiebt die Frage, welche Leistungen künftig noch individuell durch Anwältinnen und Anwälte erbracht werden müssen und welche Teile eines juristischen Arbeitsprozesses standardisiert oder automatisiert werden können. Besonders geeignet sind Tätigkeiten, bei denen große Mengen strukturierter oder halbstrukturierter Informationen laufend ausgewertet werden müssen.
Regulierungsmonitoring gehört genau in diese Kategorie. Die eigentliche juristische Bewertung verschwindet dadurch nicht. Aber die Vorarbeit, also das Erkennen, Sortieren und Priorisieren relevanter Änderungen, lässt sich potenziell stärker automatisieren. In der Logik von Justima kommen Anwältinnen und Anwälte dann dort ins Spiel, wo Einordnung, Bewertung und strategische Beratung erforderlich sind.
Das ist zugleich die zentrale Abgrenzung: Justima verkauft nach den vorliegenden Angaben keine Rechtsberatung, sondern ein Monitoring-Werkzeug. Wie belastbar die Ergebnisse in der Praxis sind, wird davon abhängen, wie präzise die Quellenabdeckung, die Relevanzlogik und die Qualitätssicherung funktionieren.
Frühe Nutzer und Sicherheitsangaben
Nach Unternehmensangaben haben sich bereits vor dem offiziellen Launch rund 60 Unternehmen aus dem Compliance-Umfeld für einen frühen Zugang registriert. Genannt werden unter anderem Condor, Karlsberg Brauerei und AUTODOC sowie weitere DAX-40- und Fortune-500-Unternehmen.
Auch bei Datenschutz und IT-Sicherheit verweist Justima auf unternehmensrelevante Standards. Die Plattform sei DSGVO-konform, werde ausschließlich in der EU betrieben und sei ISO 27001 sowie SOC 2 compliant. Diese Angaben sind gerade für Rechts- und Compliance-Abteilungen relevant, weil dort regelmäßig sensible interne Informationen und regulatorische Risikothemen verarbeitet werden.
Warum der Schritt für Kanzleien relevant ist
Die Ausgründung zeigt, dass Kanzleien im KI-Zeitalter nicht nur Dienstleister bleiben müssen. Sie können ihr Fachwissen auch in Softwareprodukte übersetzen – vor allem dort, wo Mandanten wiederkehrende, skalierbare Probleme haben. Für Osborne Clarke ist Justima damit auch ein strategisches Signal: Die Kanzlei will KI nicht nur zur internen Effizienzsteigerung nutzen, sondern als Bestandteil neuer Geschäftsmodelle im Rechtsmarkt.
Ob Justima sich am Markt durchsetzt, wird sich erst in der praktischen Nutzung zeigen. Entscheidend wird sein, ob die Plattform relevante Änderungen zuverlässig erkennt, falsche Priorisierungen begrenzt und sich in bestehende Compliance-Prozesse integrieren lässt. Der Ansatz ist jedoch plausibel: In einer Regulierungslage, die für viele Unternehmen komplexer wird, steigt der Wert von Werkzeugen, die nicht nur Informationen sammeln, sondern Relevanz herstellen.
Fazit: Justima ist kein weiteres allgemeines KI-Tool für Juristen, sondern ein spezialisiertes Produkt für ein konkretes Compliance-Problem. Die Ausgründung durch Osborne Clarke macht den Fall besonders interessant: Sie zeigt, wie Wirtschaftskanzleien beginnen, juristische Expertise in skalierbare Softwaremodelle zu übertragen. Für Unternehmen könnte das vor allem dort relevant werden, wo europäische Regulierung über mehrere Märkte hinweg beobachtet werden muss.

