1. Janik, du hast mit Leantree bereits gegründet und das Unternehmen dann bewusst beendet. Was war der Moment, in dem du gemerkt hast: Dieses Kapitel ist vorbei?
Das war kein einzelner Moment, sondern ein Prozess über mehrere Monate. Ich habe immer ehrlicher hingeschaut, worin ich wirklich gut bin, was mir liegt und vor allem, was mich morgens antreibt. Im Agenturgeschäft mit Leantree hatte ich eine gute Zeit und enorm viel gelernt. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich meine persönlichen Stärken dort nicht mehr voll ausspielen konnte. Gleichzeitig habe ich gesehen, welche Möglichkeiten sich durch KI auftun. Themen, die mich deutlich mehr fasziniert haben und die mir auch besser liegen. Die finale Entscheidung fiel Ende 2025.
2. Viele Gründer klammern sich an ihr erstes Startup, selbst wenn es nicht mehr passt. Was hat dir die Klarheit gegeben, loszulassen – und was hast du aus Leantree mitgenommen, das dich heute prägt?
Klarheit kam durch Ehrlichkeit mit mir selbst. Ich glaube, als Gründer muss man sich regelmäßig fragen, ob man noch am richtigen Ort ist und ob man hier den größten Hebel ansetzen kann. Wenn die Antwort nicht mehr eindeutig ja lautet, sollte man den Mut haben, etwas zu verändern.
Aus Leantree habe ich enorm viel mitgenommen, das lässt sich nicht auf ein oder zwei Dinge reduzieren. Ich habe gelernt, wie man mit Menschen arbeitet, wie Sales funktioniert, wie man ein Unternehmen von Null aufbaut und Kunden betreut. Das wichtigste Learning war aber, dass Kundennähe alles schlägt. Direkt am Kunden zu entwickeln und Feedback wirklich ernst zu nehmen.
Das haben wir bei LeadScraper.de von Tag eins zum Prinzip gemacht. All diese Erfahrungen kann ich jetzt auf dem weißen Blatt Papier bei der Deimann Com GmbH umsetzen und bewusst aus meinen Fehlern lernen.
3. Mit der Deimann Com GmbH bezeichnest du dich als „AI-first Company Builder“. Was genau bedeutet das konkret in deinem Alltag – wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
Ich vertrete die These, dass in einer Zeit, in der KI so gut wie jede operative Aufgabe übernehmen kann, der letzte entscheidende Faktor der menschliche Kontakt ist. Mit Kunden sprechen, Feedback einholen, nah am Produkt sein. Danach richte ich meinen Tag aus.
Durch KI werden mir viele repetitive Aufgaben abgenommen, vom Coding über Recherche bis hin zu Content-Erstellung. Dadurch kann ich mich auf das konzentrieren, was wirklich zählt, und meinen Tag zwischen Kundenkontakt, Marketing und dem Austausch mit dem Produkt- und Entwicklungsteam aufteilen. Die Deimann Com GmbH entwickelt und betreibt verschiedene Softwareprojekte im KI-Zeitalter. LeadScraper.de ist das erste große Projekt, aber nicht das letzte. Wir betreiben schon jetzt mehrere Webprojekte, darunter auch Angelguide.de, die größte deutsche Listungsplattform für Angelguides. Unser Vorteil durch das schlanke Setup ist, dass wir extrem schnell auf neue Chancen reagieren können.
4. Deine These ist ziemlich provokant: Wo heute fünf bis zehn Leute sitzen, reicht morgen ein Gründer mit dem richtigen KI-Stack. Wie bist du zu dieser Überzeugung gekommen?
Weil wir es bei der Deimann Com GmbH selbst umsetzen. Was wir heute mit LeadScraper.de bauen, wäre vor zwei Jahren nicht möglich gewesen ohne mindestens 20 Vollzeitangestellte in Sales, Outreach, Marketing und Produktentwicklung.
Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Bestehende Teamstrukturen können hinderlich sein, wenn es darum geht, das volle Potenzial von KI auszuschöpfen. Gewachsene Prozesse, Abstimmungsschleifen, Zuständigkeitsdenken, all das bremst die maximale Effizienz, von der am Ende sowohl die Kunden als auch wir als Anbieter profitieren. Das heißt nicht, dass Menschen überflüssig werden. Es heißt, dass die Art, wie wir zusammenarbeiten, sich grundlegend verändert.
5. Du baust LeadScraper komplett als Solopreneur. Wie sieht dein KI-Stack konkret aus – welche Tools und Systeme übernehmen die Arbeit, die früher ein Entwicklerteam gemacht hätte?
Solopreneur heißt nicht, dass ich alles alleine mache. Im Gegenteil. Statt mit festen Mitarbeitern arbeite ich mit den besten Experten in ihrem jeweiligen Bereich, auch mit Entwicklern. Der Unterschied ist das Modell: schlank, flexibel, leistungsorientiert.
Das prägendste Tool aktuell ist wahrscheinlich Claude. Aber wichtiger als die einzelne KI-Oberfläche ist das System dahinter. Das Dateien-System, die Instructions, die Skills. Diese Infrastruktur funktioniert theoretisch unabhängig vom Anbieter und ist das, was wir im Hintergrund intensiv aufbauen. KI-Tools entwickeln sich rasant weiter, die Oberflächen wechseln. Was bleibt, ist die eigene Systemlogik, mit der man die KI steuert. Das ist der eigentliche Hebel.
6. LeadScraper setzt auf hunderte KI-Agents, die in Echtzeit das Internet nach Firmenkontakten durchsuchen. Wie kamst du auf die Idee, und welches Problem in der B2B-Leadgenerierung hat dich am meisten gestört?
Gute Vertriebler sind selten und teuer. Deshalb sollte man immer dafür sorgen, dass sie ihre Zeit möglichst effizient einsetzen. Genau hier entscheidet sich, wie gut es einem Unternehmen geht.
Das Problem ist, dass klassische Datenbanken mit statischen Datensätzen und generischen Filtern arbeiten. Vertriebsteams investieren viel zu viel Zeit in Kontakte, die keinen Bedarf haben, kein Interesse zeigen und genervt reagieren. Die Listen sind veraltet, und die Konkurrenz hat sie längst abgegrast. Mich hat gestört, dass es kein System auf dem Markt gibt, das wirklich versteht, welche Leads ein Unternehmen braucht, und genau diese aussteuert.
Bei LeadScraper.de beschreiben Nutzer in fünf Freitextfeldern mit eigenen Worten, wen sie suchen. Keine starren Dropdown-Filter, keine begrenzten Branchencluster. Unsere KI-Agents durchsuchen dann das Internet in Echtzeit und erstellen eine individuelle Leadliste mit Firmenname, Website, E-Mail, Telefonnummer und dem richtigen Ansprechpartner. Das Ergebnis ist vergleichbar mit dem, was ein Mensch bei einer gründlichen manuellen Recherche finden würde, nur deutlich schneller und skalierbarer. Und bei jedem Kontakt zeigen wir transparent, woher die Daten stammen.

7. Nutzer trainieren bei LeadScraper ihren eigenen Lead-Algorithmus über Daumen-hoch/Daumen-runter-Feedback. Wie lange dauert es typischerweise, bis das System wirklich treffsicher wird?
Das hängt davon ab, wie spezifisch die Zielgruppe ist. Je nischiger der Suchauftrag, desto mehr Datenpunkte braucht das System, um Muster zu erkennen. In der Regel sehen Nutzer aber bereits nach 200 bis 300 generierten Leads einen deutlichen Optimierungseffekt.
Das Prinzip ist relativ einfach.Nach jeder Anfrage bewerten Nutzer einzelne Kontakte mit Daumen hoch oder Daumen runter. Dieses Feedback fließt direkt in die weitere Lead-Generierung ein. Der Algorithmus erkennt, welche Branchen relevant sind, welche Unternehmensgrößen bevorzugt werden und welche Kriterien Leads disqualifizieren. Dann passt er die Such- und Filterlogik automatisch an. So entsteht ein individuell trainierter Lead-Algorithmus, der mit jeder Nutzung präziser wird. Im Grunde ist das institutionalisiertes Kundenfeedback als Produktfeature.
8. Du verzichtest bewusst auf VC-Geld und baust bootstrapped. War das von Anfang an eine strategische Entscheidung – oder auch eine Reaktion auf deine Erfahrungen mit Leantree?
Es ist primär eine persönliche Entscheidung. Freiheit ist mein stärkster Antrieb, und die wird eingeschränkt, wenn man diesen Weg geht. Das heißt nicht, dass VC-Finanzierung grundsätzlich schlecht ist. Aber ich glaube nicht, dass es der Weg ist, der zu mir passt.
Bootstrapped zu sein bedeutet für uns, dass es keine marktschreierischen Ankündigungen gibt.
Kein „In zehn Jahren sind wir der globale Marktführer“. Stattdessen machen wir unsere Hausaufgaben. Extrem eng mit Kunden zusammenarbeiten, Feedback schnell implementieren und das Produkt mit jeder Iteration besser machen. Wir bekommen regelmäßig fast schon verdutztes Feedback, wie schnell wir bestimmte Anregungen umsetzen. Das liegt daran, dass wir alles entlang der Kunden entwickeln und nicht nach einem internen Masterplan, der losgelöst vom echten Nutzungsalltag entsteht.
9. Die klassische Startup-Szene lebt von Investorenrunden, Wachstum um jeden Preis und Team-Skalierung. Du sagst, dieses Modell wird in vielen Bereichen überflüssig. Was bedeutet das für Investoren – verlieren VCs ihre Daseinsberechtigung?
Ich glaube nicht, dass VCs ihre Daseinsberechtigung verlieren. Frisches Kapital wird immer ein Hebel sein, um das eigene Geschäft zu skalieren. Aber ich bin überzeugt, dass sich der Zeitpunkt für VC-Finanzierungen nach hinten verschiebt. Unternehmen kommen durch die heutigen technologischen Möglichkeiten deutlich weiter, bevor sie einen Investor brauchen.
Das verändert auch, worauf Investoren achten sollten. Ich denke, dass sich der Fokus zunehmend darauf verlagern wird, wie vertriebsstark ein Unternehmen ist, und weniger darauf, wie fortschrittlich die technologische Basis aussieht. Denn Technologie ist immer schneller aufzuholen. Was bleibt, ist die Fähigkeit, Kunden zu gewinnen und zu halten. Gleichzeitig werden dadurch auch immer mehr spannende junge Unternehmen auf den Markt kommen, die bereits Traktion haben. Für VCs kann das sogar eine bessere Ausgangslage sein.
10. Wenn KI tatsächlich ganze Teams ersetzt: Was passiert mit den Menschen, die heute in Startups arbeiten – den Entwicklern, Designern, Projektmanagern? Ist das ein Befreiungsschlag oder ein Problem?
Für viele Geschäftsführer ist das potenziell ein großer Befreiungsschlag. Aber ich will da ehrlich sein. Die aktuelle Arbeit, wie wir sie kennen, wird in Zukunft in vielen Bereichen nicht mehr von Menschen erledigt. Das ist eine Realität, der man sich stellen muss.
Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass es sich immer lohnen wird, richtig gute Leute KI steuern zu lassen. Einzelne Mitarbeitende, die heute schon hyperproduktiv sind, werden in Zukunft sogar deutlich mehr verdienen können als aktuell. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen „hat einen Job“ und „hat keinen Job“, sondern zwischen denen, die sich anpassen und die neuen Werkzeuge beherrschen, und denen, die es nicht tun. Wirklich starke Leute haben immer einen Platz am Markt.
11. Du redest nicht nur über KI, sondern baust dein gesamtes Geschäftsmodell darauf auf. Was ist der häufigste Denkfehler, den du bei anderen Gründern siehst, die KI „irgendwie nutzen“ wollen?
Sehr häufig wird versucht, komplette Prozesse zu 100 Prozent zu automatisieren. Aber auch bei KI-Implementierung gilt das 80/20-Prinzip. Man sollte lieber mit überschaubarem Input und starken Ergebnissen arbeiten, anstatt die letzte Meile zu optimieren.
Am Ende muss man ehrlich zu sich sein und sich fragen, ob die Automatisierungsarbeit den tatsächlich eingesparten Nutzen kompensiert. Besonders wenn man berücksichtigt, wie schnell sich Tools weiterentwickeln und komplette Systeme unter Umständen neu aufgesetzt werden müssen. Wer ein zu starres System baut, hat bei jedem Tool-Wechsel ein Problem. Lieber flexibel bleiben, die Kernlogik sauber aufbauen und die KI dort einsetzen, wo sie den größten Hebel hat.
12. Die Deimann Com GmbH ist als Company Builder angelegt. LeadScraper ist das erste Produkt – welche weiteren Produkte oder Märkte hast du im Blick?
Wir betreiben bereits jetzt mehrere Webprojekte, darunter Angelguide.de, die größte deutsche Listungsplattform für Angelguides. Durch unser schlankes Setup ist unser Vorteil vor allem, schnell bei neuen Themen dabei zu sein. Wir schmieden keine großen Pläne auf dem Reißbrett, sondern schauen, ob sich Chancen ergeben. Wenn sie es wert sind, gehen wir drauf und versuchen, ein Geschäftsmodell darauf aufzubauen.
Bei LeadScraper.de denken wir perspektivisch auch über eine Internationalisierung nach. Aber der nächste Schritt ist immer der gleiche. Nutzerfeedback einarbeiten, Qualität steigern, den Algorithmus noch präziser machen. Wir sind fest davon überzeugt, dass sich daraus eine sehr gute Entwicklung ergibt, wenn das Produkt stimmt.
13. Solopreneur klingt nach Freiheit, aber auch nach Einsamkeit. Wie gehst du mit den Schattenseiten um – fehlende Teamdynamik, alle Entscheidungen alleine treffen, kein Sparring im Flur?
Solopreneur bedeutet eben nicht, dass ich nicht mit Menschen arbeite. Ich arbeite mit Leuten im Bereich Marketing, in der Entwicklung und im Pricing. Dementsprechend treffe ich auch nicht alle Entscheidungen alleine, weil ich Experten in Bereichen habe, die deutlich mehr Ahnung von bestimmten Themen haben als ich.
Ich habe sogar das Gefühl, dass im aktuellen Setup deutlich mehr Teamdynamik und eine stärkere Performance-Kultur herrschen als vorher mit einem Team von Festangestellten. Der Unterschied ist, dass jeder Beteiligte Eigenverantwortung mitbringt und intrinsisch motiviert ist. Das verändert die Zusammenarbeit fundamental. Es geht weniger um Abstimmung und mehr um Ergebnisse.
14. Stell dir vor, ein junger Gründer steht heute vor der Entscheidung: Klassisches Startup mit Team und Investoren aufbauen oder als Solopreneur mit KI starten. Was würdest du ihm raten – und was sollte er auf keinen Fall tun?
Das pauschal zu beantworten wäre unseriös. Es gibt Geschäftsmodelle und Situationen, in denen es gar nicht anders möglich ist als mit Investoren zu arbeiten. Und das ist auch gut so, sowohl dass es Unternehmen gibt, die das machen, als auch Investoren, die investieren.
Was ich aber jedem raten würde: Erst einmal einige Schritte alleine gehen, bevor man über einen Investor nachdenkt. Gerade als junger Gründer, der noch nichts vorzuweisen hat. Drei Dinge haben mir persönlich am meisten geholfen.
Erstens: radikal priorisieren. Viel arbeiten bringt nichts, wenn man an den falschen Sachen arbeitet. Das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man als Gründer entwickeln kann.
Zweitens: Besessen sein von Kundenzufriedenheit. Retention ist wichtiger denn je, weil Marketing im B2B-Kontext immer teurer wird und die Konkurrenz durch KI-Möglichkeiten immer größer.
Und drittens: den eigenen Weg finden. Man wird ständig mit Tipps bombardiert, in Podcasts, Büchern, Interviews. Aber jeder Gründer hat ein anderes Profil und andere Stärken. Nicht darauf konzentrieren, Schwächen auszugleichen, sondern die eigenen Stärken hebeln. Das klingt nach einer Binsenweisheit, aber die wenigsten setzen es wirklich um.

