Gastbeitrag von Bernd Müller
Unser Jahresbudget ist bereits nach sieben Monaten aufgebraucht. Nicht das des Bundeshaushalts – sondern das der Menschheit gegenüber der Erde. Nach neusten Berechnungen mit UN-Datensätzen haben wir am 30. Juli 2026 so viele natürliche Ressourcen beansprucht, wie dieser Planet in einem ganzen Jahr regenerieren kann. Konkret heißt das: Wälder werden schneller abgeholzt, als sie nachwachsen, Gewässer werden intensiver genutzt, natürliche Systeme kommen unserem CO₂-Ausstoß nicht mehr hinterher. Die Erde ist wortwörtlich erschöpft.
Der Earth Overshoot Day ist weder Klimakampagne noch einmaliges Ereignis. Er ist ein jährlich wiederkehrendes Warnsignal, das vom Global Footprint Network einst im Dezember 1970 datiert wurde – und sich seitdem kontinuierlich nach vorne schiebt. Steigende Temperaturen, eine schrumpfende Artenvielfalt und verschmutzte Luft lassen uns spüren: Der Welterschöpfungstag ist jeden Tag. Und da mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung direkt von intakten Ökosystemen abhängt, ist die Klimakrise längst auch eine wirtschaftliche Problemstellung. Laut Circular Republic haben das rund 2.800 Startups in Europa erkannt und setzen auf zirkuläre Geschäftsmodelle. [Quelle: Circular Republic]
Der Wandel passiert nicht mit Recycling
Bis zu 90 Prozent der Treibhausgasemissionen eines Unternehmens entstehen nicht im laufenden Betrieb, sondern in vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsstufen. Dort, wo CO₂-Emissionen nicht direkt von Unternehmen kontrolliert werden, wo enorme Finanzierungslücken klaffen und wo eine gemeinsame Anstrengung der Branchenakteure notwendig ist. Damit sich aktuelle Nachhaltigkeitsbemühungen in der Realwirtschaft wirklich auszahlen, kommt es auf die Scope-3-Emissionen an. [Quelle: Carbon Disclosure Project (CDP)]. Wie viel Anteil Designerinnen und Designer daran haben und die Ressourcenschonung lenken können, wird in den vielen Entscheidungen zu Materialwahl, Konstruktionsprinzip, Reparierbarkeit und Lebensdauer eines Produkts deutlich. Was einen zukunftsfähigen Gründungsansatz birgt: Circular Design.
Als der gestalterische Ansatz der Kreislaufwirtschaft meint Circular Design, Produkte und Dienstleistungen von Beginn an so zu gestalten, dass sie bei möglichst hoher Wertschöpfung möglichst lange im Wirtschaftskreislauf verbleiben. Was zunächst nach einem Trade-off zwischen Ökologie und Ökonomie klingt, kann konsequent umgesetzt der Schlüssel zum Erfolg sein: Langlebige und reparierbare Produkte senken langfristig Kosten und stärken Kundenbindung. Geschäftsmodelle, die auf Nutzung statt Besitz setzen, erschließen wiederkehrende Erlösströme. Und Gründungen, deren Nachhaltigkeitsversprechen im Produkt selbst stecken, bestehen die Prüfung durch Investoren und öffentliche Ausschreibungen.
Der Hamburger Materialpionier traceless zeigt das paradigmatisch: Das 2020 gegründete Scale-up nimmt sich der globalen Plastikverschmutzung und Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen im Sinne der zirkulären Produktlogik an. Der aus pflanzlichen Reststoffen der Agrarindustrie gewonnene Kunststoffersatz wird als Granulat zu Verpackungen, Folien und Kleber verarbeitet. So etwa zu Versandtaschen bei OTTO oder zu Quasi-Plastikhängern bei C&A. Das Material ist vollständig kompostierbar und hinterlässt keine Mikroplastik-Rückstände. Laut traceless basiert der Produktionsprozess zudem auf nachwachsenden Rohstoffen, ist ressourceneffizient und ermöglicht lokale Lieferketten. Gegenüber der konventionellen Kunststoff-Herstellung werden dabei bis zu 91 Prozent weniger CO₂-Emissionen erzeugt. Quelle: [https://www.traceless.eu/impact]
Die erst kürzlich eröffnete Produktionsanlage in Hamburg, mehrere große Partner, das 100-köpfige Team und eine erfolgreiche Seed-Finanzierung plus EU-Fördergelder sprechen für die Skalierbarkeit des Start-ups – und für das Geschäftsfeld. Denn trotz Akteuren wie traceless ist die Transformation noch nicht im Mainstream angekommen – nach 14 Jahren auf der Agenda stagnierte die Kreislauffähigkeitsrate der EU 2024 mit 12 Prozent. Quelle: [https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20251119-1]
Wer früh handelt, differenziert sich
Es ist nicht nur das Gestaltungspotential des Sektors, das zum Handeln aufruft. Wer jetzt gründet oder sein Geschäftsmodell skaliert, sollte über die Kreislaufwirtschaft innerhalb der EU wissen: Der regulatorische Rahmen verschärft sich 2026 weiter. Mit der Ökodesign-Verordnung (ESPR), dem Right to Repair, der Verpackungsverordnung (PPWR) und der neuen Empowering Consumers-Richtlinie (EmpCo) müssen Produkte langlebig, reparierbar und recyclingfähig gestaltet sowie grüne Verkaufsversprechen transparent kommuniziert werden. Was außerhalb des Textil- und Bausektors heute noch Kür ist, wird schrittweise und perspektivisch für alle Branchen zur Pflicht.
Der Earth Overshoot Day ist ein bitterer Stichtag. Gleichzeitig könnte er Anlass eines Kick-Off-Meetings sein, das fragt: Wie entwickeln wir heute ein Produkt, das noch in fünf Jahren regulatorisch, marktseitig und ökologisch bestehen kann? Circular Design kann die Antwort sein.
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Bernd Müller ist Director Sustainability beim German Design Council. Er berät Unternehmen zu Circularity und fördert Designansätze, die Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich nutzbar machen.
Der German Design Council ist die Instanz für Design in Deutschland. Seit seiner Gründung im Jahr 1953 steht er für die Förderung von Design als wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Kraft. Mit dem klaren Ziel, das Potenzial von Design für eine nachhaltige Zukunft zu entfalten, verbindet er Akteure aus Wirtschaft, Politik und Designpraxis. Mit einem Fokus auf Circular Design veranstaltet der Council regelmäßig Networking-Formate wie den Circular Design Summit und die Circular Design Clinic. Als Auslober des German Design Award und der ICONIC AWARDS würdigt er herausragende Leistungen im Circular Design. Zudem fördert er gezielt junge Design-Talente durch bundesweite Programme mit Fokus auf Materialforschung, Kreislaufdesign und digitale Technologien.

