Sarah Gaier lebt seit 2023 mit Long COVID. Weil es kein Werkzeug gab, das ihr beim Einteilen der Kräfte hilft, hat sie zusammen mit ihrem Mann Siegfried eins gebaut. mypacing ist kostenlos, werbefrei und nach nur fünf Wochen zu einem Forschungspool mit über 100.000 Verlaufstagen gewachsen. Ohne Investor, ohne Werbebudget und ohne Wachstumsziel.
Sarah Gaier hatte 2022 dreimal COVID. Ab 2023 blieb die Erschöpfung, dazu Schwindel und ein Muster, das viele Betroffene kennen: Nach jeder Anstrengung geht es ihr schlechter, oft aber erst Stunden oder Tage später. Die Diagnosen lauten Post-COVID-Syndrom, PEM und schwere Fatigue, dazu ein Grad der Behinderung von 40. In der kardiologischen Reha bekam sie einen Satz mit, der alles Weitere bestimmt hat: Ein standardisiertes Aufbautraining bringe ihr nichts. Sinnvoll sei nur, jeden Tag einzeln zu betrachten und im eigenen Rahmen aktiv zu sein. Man muss die Reha-Einrichtung schon dafür loben, zu viele andere empfehlen Long-Covid Patienten eine körperliche Aktivierung, die im schlimmsten Fall irreversible Schäden verursacht.
Nur woher weiß man, wann es zu viel ist? Eine App, die genau das unterstützt, fand sie nicht. Also hat sie mit ihrem Mann Siegfried am Küchentisch in Bochum angefangen, selbst eine zu bauen. Daraus ist mypacing geworden. Eine Pacing App, die von jemandem stammt, der die Krankheit von innen kennt.
Warum eine Pacing app für Long COVID und ME/CFS nötig ist
Pacing bedeutet, die eigene, oft stark begrenzte Energie so einzuteilen, dass man nicht in einen Crash rutscht. Für Menschen mit Long COVID, ME/CFS, PEM und POTS ist das die wichtigste Strategie im Alltag. Gleichzeitig gibt es dafür kaum digitale Hilfe. Normale Fitness-Apps sind für Leistungssteigerung gebaut und verstehen nicht, dass die Quittung für eine Überanstrengung bei diesen Krankheiten oft erst 24 bis 72 Stunden später kommt.
Dazu kommt: Wer schwer betroffen ist, hat schon beim Ausfüllen eines Formulars Energie verbraucht, die eigentlich nicht da ist. Genau darauf ist mypacing ausgelegt. Es soll Betroffenen ein Stück Kontrolle zurückgeben und eine Sprache für das eigene Muster.
Was die Pacing App mypacing konkret macht
mypacing läuft im Browser und als App auf dem iPhone, die Android-Version ist laut Factsheet gerade im geschlossenen Test. Die App holt sich Werte wie Ruhepuls, Herzratenvariabilität, Schlaf und Schritte aus Apple Health oder Health Connect. Garmin, ResMed und Visible werden ebenfalls automatisch ausgewertet, ebenso aus Whoop heruntergeladene Daten. Fitbit, Oura, Withings und Polar prüft das Team noch von Hand, eine direkte Verbindung zu Fitbit, Suunto und COROS ist in Arbeit. Wer kein Gerät hat, trägt einfach jeden Tag ein, wie es ihm geht.
Aus den Gerätedaten und dem täglichen Eintrag zu Belastung, Konzentration und Stimmung entsteht jeden Tag eine kurze Einschätzung in einfachen Worten. Berücksichtigt werden Ruhepuls, Schlaf, HRV, Gehpuls, Belastung, Wetter und Zyklus. So sieht man, wenn sich Belastung über mehrere Tage aufstaut, bevor daraus ein Crash wird. Ein Pacing Rechner leitet aus dem Ruhepuls und ein paar Angaben eine persönliche Belastungsgrenze ab, die sich mit dem eigenen Verlauf verändert, statt starr zu bleiben.

Außerdem gibt es einen Stehtest nach NASA Vorbild, einen Arztbericht, den nur die betroffene Person selbst erzeugen kann, und eine Notfallkarte mit Diagnosen, Medikamenten und Notfallkontakt für den Arztbesuch oder den Ernstfall. Auf Anregung aus der Community deckt sie inzwischen auch die Vorbereitung auf eine Narkose ab, ein Thema, zu dem es für diese Patientengruppe kaum spezialisierte Informationen gibt. Crashs lassen sich mit Schweregrad und möglichen Auslösern festhalten, inklusive Medikamenten und Behandlungen. Unter „Meine Auswertung“ zeigt die App, welche Aktivitäten bei einem selbst typischerweise vor einem Crash liegen.
Neu dazugekommen ist ein Kalender-Rückblick. Die App zeigt einzelne Wochen aus dem importierten Verlauf noch einmal an und fragt nach: „Wie ging es dir in dieser Woche?“ Dabei werden gezielt auch unauffällige Wochen abgefragt, damit kein verzerrtes Bild entsteht, in dem nur die schlechten Tage vorkommen.
Und ganz aktuell kommt die Funktion, die sich viele Nutzer am dringendsten gewünscht haben: Medikamente lassen sich per Scan erfassen, mit angeschlossener PZN Datenbank und einem Medikamentenplan. Das erspart schwer Betroffenen das mühsame Abtippen. Die Angaben fließen, wenn man das möchte, in die gemeinsame Auswertung ein und sollen Fragen beantworten helfen, die Betroffene sich täglich stellen: Wie verhalten sich meine Symptome unter einem bestimmten Medikament, und was verändert sich dadurch?
Wichtig: mypacing ist kein Medizinprodukt. Die App stellt keine Diagnose, sagt nichts voraus und ersetzt kein Gespräch mit dem Arzt. Darauf weisen die Gaiers in der App und auf der Website an vielen Stellen hin.
Wie die Einschätzung zustande kommt
Was den Gründern wichtig ist: Hinter der täglichen Einschätzung steckt keine geheimnisvolle KI, sondern eine Liste von Regeln, die jeder nachlesen kann. Beispiele: Liegt der Ruhepuls über dem eigenen Durchschnitt? War der Schlaf schlecht? Ist die HRV gesunken? War die Belastung gestern höher als die persönliche Grenze? Jede dieser Regeln hat eine Quelle, etwa die britische Leitlinie NICE NG206, die Workwell Foundation oder das NIH. Am Ende steht ein Wert von 0 bis 100, den die App Achtsamkeitswert nennt, und dazu ein paar persönliche Hinweise. Es ist eine Beschreibung des heutigen Tages, keine Prognose.
Auffällig ist, wie ehrlich das Projekt mit seiner eigenen Treffsicherheit umgeht. Eine Trefferquote in Prozent gibt es bei mypacing nicht. Eine frühere Version der Website hatte so eine Zahl, sie beruhte aber auf Schrittzahlen statt auf der tatsächlichen Kreislaufbelastung und wurde inzwischen ersatzlos gestrichen. Stattdessen rechnet das Projekt jede Nacht neu aus, wie gut die Berechnung Crashs bei Menschen erkennt, deren Daten sie vorher nie gesehen hat und veröffentlicht das Ergebnis auf seiner Technik Seite.
Zuletzt lag der Wert bei 0,568 (Vertrauensbereich 0,510 bis 0,599, Stand 28. August 2026). Zur Einordnung: 0,5 wäre reines Raten, so als würde man eine Münze werfen. Der Wert liegt also ein Stück darüber, aber nicht weit. Die Gaiers sagen selbst: Damit ist nicht bewiesen, dass die Berechnung bei neuen Nutzern funktioniert. Es ist nur nicht mehr ausgeschlossen. Ob die aus der Gemeinschaft gelernten Gewichtungen überhaupt eingesetzt werden, entscheidet ein automatischer täglicher Check. Am Stichtag waren sie abgeschaltet, weil der Wert dafür nicht sicher genug über 0,5 lag.
Dazu passt eine andere Episode: Eine erste Kennzahl von 0,650 haben die Gaiers selbst wieder zurückgezogen, weil sie durch einen Fehler in den Daten zu gut aussah. Auch das steht offen im Factsheet, das die beiden parat haben. Die Transparenz fällt positiv auf.

mypacinglab: Betroffene machen Forschung möglich
Der zweite Baustein heißt mypacinglab. Wer möchte, gibt seine Tageswerte pseudonymisiert in einen gemeinsamen Datenpool. Das ist freiwillig, jederzeit widerrufbar und nur mit ausdrücklicher Einwilligung nach Artikel 9 der DSGVO möglich. Aus dem Pool lassen sich Muster erkennen, die eine einzelne Person nie sehen könnte: Was geht einem Crash typischerweise voraus? Wie hängen Wetter, Schlaf und Belastung zusammen? Welche Medikamentengruppen und Auslöser tauchen wie oft auf? Eine Zahl wird erst veröffentlicht, wenn mindestens zehn Menschen dahinterstehen, damit niemand wiedererkennbar ist. Nichts davon geht an Dritte, nichts wird verkauft. Solche Daten sind Gold wert bei allein in Deutschland knapp 650.000 Betroffenen. Vielleicht sind sie ein kleiner Baustein, damit die Forschung endlich konkrete Ansätze zur Hilfe der Betroffenen findet.
Denn: Long COVID, ME/CFS, PEM und POTS sind Forschungsfelder mit viel zu wenig Geld. Mit Daten, die Betroffene selbst beisteuern, lässt sich mit der nötigen Vorsicht ein kleiner Beitrag leisten, ohne dass dafür erst eine klinische Studie aufgesetzt werden muss.
Die Zahlen nach fünf Wochen
Das erste Konto wurde am 23. Juli 2026 angelegt. Gut fünf Wochen später nutzen rund 227 Personen aktiv ein mypacing Konto, 179 davon waren in den letzten 30 Tagen aktiv, 146 haben sich allein in diesem Zeitraum neu angemeldet. Das Wachstum kam bisher ausschließlich über Weiterempfehlung, Kontakte in ME/CFS und Long COVID Gruppen und vereinzelte Erwähnungen in Presse und Social Media. Ein Werbebudget gibt es nicht.
Erstaunlich hoch ist der Anteil derjenigen, die auch beim Forschungspool mitmachen: 191 Menschen haben zusammen über 105.000 Tage an Verlaufsdaten beigetragen, insgesamt sind das laut Siegfried Gaier mittlerweile 834.393 pseudonym ausgewertete Messwerte (Stand 30. August 2026). Für ein Projekt, das erst fünf Wochen alt ist und keine Werbung macht, ist das viel. Es zeigt, wie groß der Wunsch nach mehr Forschung in der Community ist.
Mit Betroffenen gebaut, nicht nur für sie
Das Feedback kommt direkt aus der Community, und man merkt der App an, dass es ankommt. Eine Nutzerin schrieb zum Beispiel, dass Sport und Ausdauertraining in der Aktivitätsauswahl nichts verloren hätten, weil bei ME/CFS schon kleine Dosen Belastung einen Crash auslösen können. Sinnvoll seien stattdessen Atemübungen, Achtsamkeit, kurze Spaziergänge, auch im Rollstuhl, oder Autofahren. Statt die übliche Fitness-App-Logik zu übernehmen, haben die Gaiers die App an das angepasst, was für PEM tatsächlich sicher ist, auch wenn das bedeutet, auf naheliegende Standardfunktionen zu verzichten.
Aus derselben Rückmeldung entstand übrigens auch der Medikamenten Scan, der jetzt kommt. Und öffentlich sichtbar wurde die Resonanz zuletzt, als das Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster die Notfallkarte auf LinkedIn positiv aufgriff. mypacing wird also nicht nur von Betroffenen wahrgenommen, sondern auch von Kliniken.

Gründen ohne Firma, ohne Investor, ohne Wachstumsziel
Sarah und Siegfried Gaier sind keine Ärzte und haben kein Unternehmen im klassischen Sinn. Sie haben die App gebaut, die ihnen selbst gefehlt hat, und sie bewusst als freies Projekt aufgesetzt: kein Abo, keine Werbung, keine Bezahlschranke, keine Datenweitergabe. Finanziert wird das Ganze aus freiwilligen Spenden. Seit dem 27. August 2026 ist dafür ein Kleingewerbe bei der Stadt Bochum angemeldet, Inhaberin ist Sarah Gaier. Den Namen haben die beiden als Wort- und Bildmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt angemeldet.
Diese Struktur ist Absicht. Sie erlaubt Entscheidungen, die sich am Nutzen für Betroffene orientieren und nicht an Umsatzzielen, etwa der Verzicht auf Trainingsfunktionen oder auf jede Form von Tracking zu Werbezwecken. Die Server stehen in Deutschland, seit dem 10. August lädt keine Seite mehr irgendetwas von einer fremden Domain, nicht einmal Google Schriften. Wer sein Konto löscht, löscht damit auch alle personenbezogenen Daten.
Aus Startup Sicht ist mypacing ein seltener Fall: ein Produkt mit echter Nachfrage, das gar nicht wie ein klassisches Health Startup wachsen will. Für die Betroffenen ist es vermutlich genau deshalb glaubwürdig.
mypacing auf einen Blick
Was: Pacing App für Menschen mit Long COVID, ME/CFS, PEM, POTS und Post-Vac-Syndrom
Team: Sarah und Siegfried Gaier, Bochum
Kosten: Kostenlos, finanziert durch freiwillige Spenden, keine Werbung
Verfügbar: Browser und iPhone, Android im geschlossenen Test
Status: Kein Medizinprodukt, keine Diagnose, keine Therapie
Web: mypacing.app
Kontakt: hallo@mypacing.app

