Deutschland verfügt über eine international anerkannte Forschungslandschaft im Bereich Chemie. Bei wissenschaftlichen Publikationen und Patentanmeldungen gehört das Land seit Jahren zur Spitzengruppe. Gleichzeitig ist die chemisch-pharmazeutische Industrie mit einem Jahresumsatz von über 220 Milliarden Euro und rund 480.000 direkt Beschäftigten einer der zentralen Industriezweige des Landes. Kaum eine andere Branche ist so tief in industrielle Wertschöpfungsketten integriert – von Energie über Mobilität bis zur Medizintechnik.
Dennoch gelingt es bislang nicht ausreichend, wissenschaftliche Exzellenz systematisch in skalierbare Geschäftsmodelle zu überführen. Gerade im Bereich der forschungsintensiven Deep-Tech-Gründungen zeigt sich eine strukturelle Lücke. Im Verhältnis zur Forschungsleistung ist die Zahl chemienaher Ausgründungen gering. Während in digitalen Geschäftsmodellen Skalierung häufig mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz möglich ist, erfordern chemische Innovationen lange Entwicklungszyklen, regulatorische Freigaben und kostenintensive Infrastruktur. Diese Hürden verlangsamen den Transfer von Forschung in unternehmerische Wertschöpfung erheblich.
Transformationsdruck trifft auf Kooperationsrückgang
Die Rahmenbedingungen verschärfen sich zusätzlich. Die deutsche Chemieindustrie steht unter massivem Wettbewerbsdruck. Hohe Energiepreise, globale Überkapazitäten – insbesondere in China –, volatile Rohstoffmärkte und steigende regulatorische Anforderungen im Kontext des European Green Deal stellen Unternehmen vor enorme Herausforderungen. Laut Branchenangaben lag die Produktionsauslastung zuletzt deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt, Investitionsentscheidungen werden zurückhaltender getroffen.
Parallel dazu nimmt die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen ab. Der Deutsche Startup Monitor zeigt, dass 2020 noch 71,8 Prozent der Start-ups mit Corporates kooperierten, während dieser Wert 2025 nur noch bei 56 Prozent liegt. Für eine kapitalintensive Branche wie die Chemie ist dieser Trend besonders problematisch. Junge Unternehmen benötigen industrielle Pilotumgebungen, Referenzkunden und Infrastruktur, um ihre Technologien zur Marktreife zu bringen. Fehlen diese Brücken, bleiben Innovationen häufig im Entwicklungsstadium stecken.
Gleichzeitig adressieren chemie-nahe DeepTech-Startups genau jene Felder, die für die Zukunftsfähigkeit der Industrie entscheidend sind: Defossilisierung, CO₂-Reduktion, Kreislaufwirtschaft, Ersatz kritischer Substanzen sowie digitale Prozessoptimierung. BIOWEG entwickelt beispielsweise biologisch abbaubare Materialien auf Basis bakterieller Zellulose und konnte 2025 eine Series-A-Finanzierung über 16 Millionen Euro abschließen.
Cyclize wandelt gemischte Kunststoffabfälle und CO₂ in Synthesegas um und sicherte sich eine Seed-Finanzierung über 4,75 Millionen Euro.
EEDEN wiederum entwickelt chemisches Recycling für Mischtextilien und schloss 2025 eine Series-A-Finanzierung über 18 Millionen Euro ab.
Diese Beispiele zeigen, dass marktfähige Lösungen entstehen – sofern Kapital, Infrastruktur und industrielle Partner zusammenkommen.
Ökosystem als strategischer Standortfaktor
Ein funktionierendes Innovationsökosystem wird damit zum strategischen Standortfaktor. Die Public-private-Partnership chemstars begleitet nach eigenen Angaben über 70 Startups, die gemeinsam mehr als 250 Millionen Euro Finanzierung eingeworben haben. Ziel ist es, die Zahl und Qualität chemischer Gründungen zu erhöhen und die Zusammenarbeit mit etablierten Unternehmen systematisch zu stärken.
International zeigt sich, dass andere Regionen beim Zugang zu Wagniskapital und bei der institutionellen Verzahnung von Universität und Industrie Vorteile haben. OECD-Daten belegen, dass das Venture-Capital-Volumen gemessen am Bruttoinlandsprodukt in den USA deutlich höher ist als im europäischen Durchschnitt. Gleichzeitig setzt Europa mit regulatorischen Impulsen wie dem Green Deal starke Anreize für nachhaltige Technologien – ein potenzieller Wettbewerbsvorteil für forschungsbasierte Start-ups.
Für Deutschland ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: Forschung, Kapital und industrielle Anwendung müssen enger verzahnt werden. Neben Finanzierung sind geteilte Infrastruktur, industrielle Testfelder und eine konstruktive Fehlerkultur entscheidend. Gerade in der Chemie, wo Skalierung hohe Investitionen und lange Entwicklungszeiten erfordert, braucht es belastbare Partnerschaften zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen.
Das Gründer-Gap in der Chemie ist somit nicht nur ein branchenspezifisches Thema, sondern eine strategische Frage der Wettbewerbsfähigkeit. DeepTech-Startups können dazu beitragen, technologische Führungspositionen zu sichern, nachhaltige Geschäftsmodelle zu etablieren und industrielle Wertschöpfung am Standort zu halten. Ob Deutschland diese Chance nutzt, hängt maßgeblich davon ab, wie konsequent ein leistungsfähiges Ökosystem für chemie-nahe Gründungen aufgebaut und weiterentwickelt wird.
Foto: Westend61

