Dennis Mayer und David Fischer sind keine klassischen Softwareentwickler. Trotzdem haben die beiden Freunde mit QuestCoin Kids eine eigene Familien-App entwickelt, die alltägliche Aufgaben für Kinder in kleine Quests verwandelt. Dabei haben sie sich viele technische Fähigkeiten selbst angeeignet und intensiv mit KI-Werkzeugen wie ChatGPT und Codex gearbeitet. Im Interview erzählen die Gründer von Dualrealm Studios, wie aus einer Idee Schritt für Schritt eine veröffentlichte App wurde und wo KI beim Entwickeln hilft, aber auch an ihre Grenzen stößt.
1. Wer seid ihr und was ist eure Rolle bei QuestCoin Kids?
Wir sind Dennis Mayer und David Fischer, langjährige Freunde, aktuell noch Arbeitskollegen und gemeinsam die Gründer von Dualrealm Studios. Mit QuestCoin Kids haben wir unser erstes eigenes digitales Produkt entwickelt.
Da wir bisher kein klassisches Entwicklerteam haben, kümmern wir uns gemeinsam um nahezu alle Bereiche – von der Idee und Konzeption über die Entwicklung bis hin zu Design, Marketing und Organisation. Trotzdem haben sich im Laufe des Projekts unterschiedliche Schwerpunkte entwickelt.
Dennis beschäftigt sich besonders intensiv mit der Produktentwicklung, der technischen Umsetzung, dem Design, der Nutzerführung und der Vermarktung. Durch seinen beruflichen Hintergrund im Online-Marketing und E-Commerce bringt er vor allem Erfahrungen in der digitalen Produktgestaltung und Kundenansprache ein.
David ist Vater von zwei Kindern und bringt dadurch eine wichtige Perspektive aus dem tatsächlichen Familienalltag mit. Er prüft besonders, ob neue Funktionen für Eltern praktikabel und für Kinder verständlich sind. Viele Entscheidungen treffen wir gemeinsam, wobei wir sowohl die technische Umsetzbarkeit als auch den konkreten Nutzen für Familien berücksichtigen.
2. Pitchtime! Beschreibt die Idee hinter QuestCoin Kids in wenigen Sätzen. Welches Problem löst ihr?
QuestCoin Kids ist eine Familien-App, mit der Eltern alltägliche Aufgaben in kleine Quests verwandeln können. Für erledigte Quests sammeln Kinder QuestCoins, die sie für gemeinsam festgelegte Belohnungen oder für Spielzeit in den integrierten Lern- und Geschicklichkeitsspielen einsetzen können.
Wir möchten damit typische Diskussionen über das Aufräumen, die Morgenroutine, das Lernen oder kleine Aufgaben im Haushalt positiver gestalten. Eltern erhalten ein übersichtliches und flexibel anpassbares Werkzeug, während Kinder klare Ziele, sichtbare Fortschritte und direkte Erfolgserlebnisse bekommen.
Dabei geben wir kein festes Erziehungsmodell vor. Jede Familie entscheidet selbst, welche Quests sie erstellt, wie viele QuestCoins es dafür gibt und welche Belohnungen angeboten werden.
3. Wie kam es zu der Idee – und was hat das Video über Videospiele damit zu tun?
Der Ausgangspunkt war ein Video darüber, warum Kinder so gerne Videospiele spielen. Darin ging es unter anderem um klare Ziele, direkte Rückmeldungen und Belohnungssysteme. In einem Videospiel wissen Kinder meistens genau, was sie als Nächstes tun sollen, und sehen unmittelbar, welchen Fortschritt sie gemacht haben.
Dennis übertrug diesen Gedanken auf seine eigene Kindheit und fragte sich, ob alltägliche Aufgaben leichter gefallen wären, wenn sie nicht einfach nur Pflichten gewesen wären, sondern kleine Quests mit einem sichtbaren Fortschritt und einem selbst gewählten Ziel.
Er erzählte David von der Idee. Da David selbst Vater von zwei Kindern ist, konnte er den möglichen Nutzen direkt aus Sicht einer Familie beurteilen und war sofort begeistert. Aus einem lockeren Gespräch entstand zunächst ein Grundkonzept: Eltern erstellen Quests, Kinder markieren sie als erledigt, die Eltern bestätigen sie und die gesammelten QuestCoins können anschließend für Belohnungen eingesetzt werden.
Am Anfang hatten wir weder einen fertigen Businessplan noch ein Entwicklerteam. Wir hatten lediglich eine Idee, die wir beide sinnvoll fanden, und haben dann Schritt für Schritt geprüft, wie wir sie umsetzen können.

4. Ihr seid beide keine Softwareentwickler. Wie habt ihr die App trotzdem gebaut? Welche KI-Tools habt ihr konkret wofür genutzt – und wo hat KI nicht weitergeholfen?
Wir haben uns die notwendigen Kenntnisse während der Entwicklung nach dem Prinzip „Learning by Doing“ angeeignet. Die erste Version von QuestCoin Kids entstand mit Base44. Damit konnten wir relativ schnell einen funktionierenden Prototyp entwickeln und testen, ob die grundsätzlichen Abläufe funktionieren.
Mit der Zeit wurde allerdings deutlich, dass wir mehr Kontrolle über die Technik, das Design und verschiedene Berechtigungen benötigen. Deshalb entschieden wir uns, die App mit Flutter komplett neu aufzubauen. Als Entwicklungsumgebung nutzten wir hauptsächlich Visual Studio Code und für die iOS-Version zusätzlich Xcode. Die Datenbank und die Benutzerverwaltung wurden mit Supabase umgesetzt.
Unsere wichtigsten KI-Werkzeuge waren ChatGPT und Codex. ChatGPT nutzten wir vor allem, um technische Zusammenhänge zu verstehen, Funktionen zu planen, Anforderungen zu strukturieren und Fehlermeldungen zu analysieren. Codex kam stärker bei der direkten Arbeit am Projekt zum Einsatz – beispielsweise beim Erstellen und Überarbeiten von Code, bei der Fehlersuche, der Datenbankanbindung und der Anpassung bestehender Funktionen.
Darüber hinaus unterstützte uns KI bei Übersetzungen, App-Store-Texten, der Benutzerführung und der Vorbereitung von Marketinginhalten. Ohne diese Unterstützung hätten wir für viele Aufgaben externe Entwickler, Übersetzer oder weitere Dienstleister benötigt.
Trotzdem baut KI nicht auf Knopfdruck eine fertige App. Besonders schwierig wurde es, wenn ein Fehler mehrere technische Bereiche gleichzeitig betraf oder der KI wichtiger Projektkontext fehlte. Ein Vorschlag konnte an einer Stelle funktionieren und gleichzeitig an einer anderen Stelle neue Probleme verursachen. Deshalb mussten wir verstehen, was verändert wird, jede Anpassung selbst testen und häufig mehrere Lösungswege ausprobieren.
Auch die Veröffentlichung in den Stores konnte uns KI nicht abnehmen. Datenschutz, Benutzerkonten, In-App-Käufe, Zertifikate, Signierungen und die Prüfprozesse von Apple und Google mussten wir selbst verstehen und praktisch umsetzen. KI war für uns deshalb vor allem ein Entwicklungs- und Lernpartner. Die Entscheidungen, die Tests und die Verantwortung blieben bei uns.
5. Wie lange hat es von der Idee bis zur Freigabe in App Store und Google Play gedauert, und was war der größte Stolperstein?
Von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung im App Store und bei Google Play hat es insgesamt ungefähr ein Jahr gedauert.
Zu Beginn dachten wir tatsächlich: „Komm, wir bauen einfach eine App und stellen sie online.“ Das klingt zunächst relativ unkompliziert. In der Praxis hängen daran aber sehr viele weitere Aufgaben, mit denen wir vorher nicht gerechnet hatten.
Für die Veröffentlichung benötigt man beispielsweise eine Datenschutzerklärung mit einer öffentlich erreichbaren URL. Also braucht man auch eine Website. Für die geschäftlichen Abläufe benötigt man entsprechende Konten und muss sich mit der Unternehmensgründung auseinandersetzen. Dazu kommen rechtliche Anforderungen, Entwicklerkonten, App-Store-Richtlinien, In-App-Käufe und natürlich die eigentliche Entwicklung.
Der größte Stolperstein war deshalb nicht ein einzelner Programmierfehler, sondern überhaupt herauszufinden, was alles dazugehört, eine App stabil und regelkonform zu veröffentlichen.
Besonders die iOS-Veröffentlichung war für uns eine große Lernkurve. Wir mussten uns unter anderem mit Xcode, Zertifikaten, Signierungen, TestFlight und den Anforderungen des App-Store-Prüfprozesses beschäftigen. Auch die In-App-Käufe mussten so eingerichtet und dokumentiert werden, dass Apple sie vollständig testen konnte.
Gleichzeitig mussten wir lernen, Prioritäten zu setzen. Während der Entwicklung entstehen ständig neue Ideen. Wenn man versucht, jede davon sofort umzusetzen, wird das Produkt nie fertig. Deshalb haben wir einige Funktionen bewusst zurückgestellt und uns zunächst auf eine stabile Grundversion konzentriert.
6. Wie viele Familien nutzen die App heute, und wie finanziert ihr euch?
QuestCoin Kids befindet sich noch in einer frühen Wachstumsphase. Aktuell wird die App hauptsächlich von Familien aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis genutzt. Interviews wie dieses sind für uns deshalb besonders wertvoll, weil sie uns dabei helfen, unsere Geschichte bekannter zu machen und weitere Familien zu erreichen.
Bislang finanzieren wir QuestCoin Kids vollständig aus eigenen Mitteln beziehungsweise über unsere regulären Hauptjobs. Wir haben weder ein externes Entwicklerteam noch eine Agentur mit der Umsetzung beauftragt und bisher auch kein externes Kapital aufgenommen.
Dadurch können wir die laufenden Fixkosten vergleichsweise gering halten. Gleichzeitig bedeutet es aber, dass wir einen großen Teil unserer Freizeit in die Entwicklung investieren und uns viele Themen selbst erarbeiten müssen.
QuestCoin Kids kann kostenlos genutzt werden, ist dann aber in einigen Bereichen begrenzt. Zusätzlich bieten wir eine Premium-Version für 2,99 Euro monatlich an, mit der alle Funktionen freigeschaltet werden. Einnahmen möchten wir vor allem wieder in die Weiterentwicklung, neue Inhalte und die Vermarktung investieren.
7. Belohnungs-Apps für Kinder gibt es einige. Was macht ihr anders?
Uns war von Anfang an wichtig, dass QuestCoin Kids nicht nur eine digitale To-do-Liste mit einem Punktesystem wird. Wir möchten alltägliche Aufgaben in eine kleine, zusammenhängende Abenteuerwelt verwandeln.
Kinder erledigen ihre Aufgaben als Quests und erhalten dafür QuestCoins. Diese können sie für individuell von den Eltern festgelegte Belohnungen einsetzen oder gegen Spielzeit in den integrierten Lern- und Geschicklichkeitsspielen eintauschen. Sie können aber auch entscheiden, ihre QuestCoins zu sparen und auf ein größeres Ziel hinzuarbeiten.
Neben den individuellen Quests gibt es Familien-Challenges, bei denen die ganze Familie gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet. Damit möchten wir nicht nur die Verantwortung einzelner Kinder fördern, sondern auch Bewegung, gemeinsame Aktivitäten und Familienzeit unterstützen.
Hinzu kommen Avatare, unterschiedliche Hintergründe und altersgerechte Spiel- und Lerninhalte. So soll die App abwechslungsreich bleiben und sich langfristig weiterentwickeln können.
Gleichzeitig behalten die Eltern vollständig die Kontrolle. Sie legen die Quests und Belohnungen fest und bestätigen, ob Aufgaben tatsächlich erledigt wurden. Der Kinderbereich ist spielerisch gestaltet, während die wichtigen Einstellungen von den Eltern verwaltet werden.
Unser Ziel ist nicht, Kinder für jede Kleinigkeit zu „bezahlen“. Sie sollen vielmehr erleben, dass Anstrengung wahrgenommen wird, Verantwortung Spaß machen kann und sie durch eigene Entscheidungen Schritt für Schritt ein Ziel erreichen können. Trotz der spielerischen Gestaltung bleibt der reale Familienalltag im Mittelpunkt – nicht eine möglichst lange Bildschirmzeit.
8. Welchen Tipp gebt ihr Gründer:innen mit, die ohne Entwickler-Hintergrund ein digitales Produkt bauen wollen?
Unser wichtigster Tipp lautet: Einfach anfangen und sich nicht davon abschrecken lassen, dass man etwas noch nicht kann. Gleichzeitig sollte man nicht mit einer möglichst langen Funktionsliste starten, sondern mit einem konkreten Problem. Die erste Frage sollte nicht lauten: „Was könnten wir alles einbauen?“, sondern: „Welches Problem lösen wir für wen?“
Danach hilft es, das Projekt in kleine und klar definierte Schritte aufzuteilen. Statt eine KI aufzufordern, sofort eine vollständige App zu erstellen, sollte man einzelne Abläufe nacheinander entwickeln und testen. So bleibt nachvollziehbar, welche Änderung funktioniert und wodurch ein möglicher Fehler entstanden ist.
KI sollte dabei als Werkzeug und Lernpartner betrachtet werden, nicht als vollständiger Ersatz für Fachwissen. Man muss nicht von Anfang an jede Programmiersprache beherrschen. Man sollte aber verstehen wollen, was die KI verändert, welche Auswirkungen eine Änderung hat und wie sich das Ergebnis überprüfen lässt. Besonders bei Datenschutz, Benutzerkonten, Sicherheit oder Zahlungen darf generierter Code nicht ungeprüft übernommen werden.
Außerdem sollte man nicht unterschätzen, wie viel neben der eigentlichen Entwicklung dazugehört. Eine App zu programmieren ist nur ein Teil des Weges. Datenschutz, rechtliche Anforderungen, App-Store-Richtlinien, Websites, Konten, Marketing und Organisation gehören ebenso dazu.
Wir haben technische Ansätze verworfen, Teile der App neu aufgebaut und uns immer wieder in unbekannte Themen einarbeiten müssen. Das gehört für uns zum Entwicklungsprozess. Ein fehlender Entwickler-Hintergrund muss heute kein Ausschlusskriterium mehr sein. Man benötigt aber Neugier, Ausdauer und die Bereitschaft, Verantwortung für jede Entscheidung zu übernehmen. KI kann viele Türen öffnen – hindurchgehen und den richtigen Weg wählen muss man weiterhin selbst.

