Healyan: Eine Brille gegen Alzheimer, entwickelt aus persönlicher Betroffenheit

Healyan aus Ilmenau hat beim SENovation Award 2026 in der Kategorie „Start-up“ gewonnen. Wir haben mit Co-Founder Philipp Caspari über die Healyan Glasses, die geplante Zulassungsstudie und die Finanzierung gesprochen.

Hallo Philipp, schön dass du da bist. Ich frag mal ganz direkt: Was genau macht Healyan?

Healyan entwickelt Medizinprodukte, die das menschliche Gehirn stimulieren, damit es möglichst lange gesund und leistungsfähig bleibt. Unser Fokus liegt auf einer nicht-invasiven Technologie zur Neuromodulation von Alzheimer-Patienten. Daher sind keine Operationen oder Medikamente notwendig.

Wer steht hinter dem Startup?

Hinter Healyan stehen Laurin Martins, Christian Reyes, Leon Yushin und Philipp Caspari. Unsere fachlichen Hintergründe sind divers und kommen aus den Bereichen Neurowissenschaften, Informatik, BWL und Medizintechnik. Während meines PhD-Austauschjahres haben wir Healyan als Spin-off der UC Berkeley (Kalifornien, USA) und der Technischen Universität Ilmenau gegründet.

Wie ist die Idee entstanden?

Mein Großvater mütterlicherseits wurde 2019 mit Alzheimer diagnostiziert. Er litt schnell unter den Nebenwirkungen der Medikamente, und trotzdem verzögerten sie seinen geistigen Verfall nur gering. Ich habe mich deshalb mit der Krankheit beschäftigt und mit Lösungsansätzen, an denen ich als Medizintechnik-Ingenieur mitwirken könnte. Meine Ideen fanden bei Prof. Michael Silver Anklang. Er förderte das Projekt durch Zugang zum Labor, sodass ich einen frühen Prototypen unseres Produktes bauen konnte. Anschließend ermutigte er mich, die Idee als Ausgründung weiterzuverfolgen, damit daraus eine Lösung wird, die Menschenleben verbessern kann.

Wie funktioniert die Healyan Glasses und wie soll sie zu den Patienten kommen?

Die Healyan Glasses verlangsamt die Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit von Alzheimer-Patienten. Sie dient zur Neuromodulation im Alltag und wird während der Routine am Morgen und am Abend jeweils 30 Minuten aktiviert. Im restlichen Alltag dient sie den Patienten als normale Sehhilfe.

Nach der Zulassung als Medizinprodukt soll die Healyan Glasses in den frühen Phasen der Krankheit in der ambulanten Versorgung eingesetzt werden. Neurologen sollen das Produkt verschreiben, sodass die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Aufgrund der niedrigen Risikoklasse (Medizinprodukt Klasse IIa) ist auch eine direkte Abgabe an Selbstzahler und Privatversicherte denkbar.

Co-Founder Philipp Caspari

Welche Belege gibt es für die Wirksamkeit?

Die Belege basieren auf Ergebnissen der Grundlagenforschung des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig sowie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Die Forscher des MPI zeigten bereits in den frühen 2000ern, dass bestimmte Rhythmen, die sogenannten Gamma-Rhythmen, eine entscheidende Rolle für die Informationsverarbeitung im Kurzzeit-, Arbeits- und Langzeitgedächtnis spielen. Im gesunden Gehirn sind sie geregelt und treten selbst bei einfachen geistigen Aufgaben auf. Bei Alzheimer-Patienten sind sie gestört und unregelmäßig.

Die Forscher des MIT zeigten, dass sich die gestörten Rhythmen mit verschiedenen physikalischen Behandlungsverfahren ausgleichen lassen. Dadurch werden im Alzheimer-Gehirn nicht nur Informationen wieder besser verarbeitet, sondern auch antientzündliche zelluläre Prozesse wieder gestartet. Weltweit arbeiten mehrere Forschungsgruppen daran, das ideale Behandlungsprotokoll zu erstellen, und haben zahlreiche selbst initiierte Phase-2-Studien mit begrenzter Patientenzahl und Prototypen durchgeführt. Darauf aufbauend planen wir mit der Healyan Glasses eine multizentrische Phase-3-Studie (Zulassungsstudie) in Zusammenarbeit mit dem Noninvasive Brain Stimulation (NBS) Lab Göttingen und fünf weiteren Studienzentren im gesamten Bundesgebiet.

Wie kam eure Lösung bei der Senioren-Jury an?

Unsere Lösung kam besonders gut bei Senioren und deren Angehörigen an, da sie die Patienten im Alltag nicht zusätzlich belastet, sondern sogar unterstützt. Schon vor der Ausgründung waren wir intensiv im Austausch mit Betroffenen und ihren Familien, und es gibt Alzheimer-Patienten in den Familien unserer Teammitglieder. Daher kennen wir die Einschränkungen und die besonderen Bedürfnisse von Alzheimer-Patienten an die Nutzerfreundlichkeit von Medizinprodukten sehr genau. Nach dem Pitch vor der Senioren-Jury haben mich die gut informierten und medizinisch präzise formulierten Fragen sehr positiv überrascht. Man konnte sich fachlich auf Augenhöhe austauschen.

Wie hat sich Healyan seit der Gründung entwickelt?

Healyan ist seit der Ausgründung stetig organisch gewachsen. Wir haben unser Team um zwei Angestellte und mehrere studentische Praktikanten erweitert. Von Krankenkassen sowie von Ärzten und Forschern bekommen wir regelmäßig Interessensbekundungen und Zuspruch. Mehrere Familien nutzen eine Version der Healyan Glasses als „research only device“ und geben uns positives Feedback. Die Medical Device Regulation (MDR) erlaubt es uns aber erst dann, in der Patientenversorgung aktiv zu werden, wenn wir das Konformitätsbewertungsverfahren einer benannten Stelle wie dem TÜV durchlaufen haben. Dafür benötigen wir noch die Daten unserer geplanten Phase-3-Studie.

Wie finanziert ihr euch?

Unser Gründerteam hat bereits einen sechsstelligen Betrag aus eigenen Ersparnissen in Healyan investiert. Von mehreren Angels und Family Offices haben wir einen mittleren sechsstelligen Betrag eingesammelt, außerdem nutzen wir die Förderungen von Bund und Ländern, die uns zur Verfügung stehen. Insgesamt haben wir bisher einen deutlich siebenstelligen Betrag für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Das Gründerteam lebt bisher von den eigenen Ersparnissen.

Was war bisher die größte Hürde?

Die größte Hürde war, die Finanzierung unserer Phase-3-Studie zu sichern. Klinische Studien mit ihren unzähligen Variablen sind für Investoren immer ein großes Risiko. Egal wie weit Technologie und Forschung in einem Bereich schon sind: Als Gründer kann man nicht erwarten, dass sich jemand, der Investitionsentscheidungen trifft, in kurzer Zeit so tief in ein Thema einarbeitet wie man selbst mit dem gesamten Expertenteam und dem dazugehörigen Netzwerk. Daher haben wir nebenbei viel De-Risking betrieben und setzen auf hochrangige Fördermittel, deren Anträge der kritischen Prüfung durch medizinische Fachexperten des Bundes standhalten müssen.

Was sind eure Ziele für die nächsten zwölf Monate?

In den nächsten zwölf Monaten soll unsere Phase-3-Studie in vollem Gange sein und bestenfalls schon erste positive Zwischenergebnisse liefern. Der geplante Studienzeitraum beträgt zwölf Monate, mit sechs Monaten optionaler Verlängerung für die Patienten der Placebo-Gruppe nach der Entblindung.

Welchen Rat gibst du Gründern, die Produkte für ältere Menschen entwickeln?

Versetzt euch so gut es geht in die Position der Betroffenen. Achtet dabei nicht nur darauf, was die Menschen fragen, sagen und sich konkret wünschen, sondern auch darauf, was sie nicht fragen, sagen und wünschen. Macht es älteren Menschen so einfach wie möglich, eure Innovation im Alltag als stetigen Begleiter und Unterstützer anzunehmen.

Wen sucht ihr aktuell?

Wir suchen institutionelle Investoren, die mit uns die Phase nach der Zulassung als Medizinprodukt vorbereiten, vorzugsweise Family Offices mit ernsthaftem Interesse an Neurotechnologien.

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