Investieren als Gründer und Unternehmer: Das private Vermögen darf nicht dasselbe Risiko tragen wie die Firma

Gastbeitrag von Matthias Wolf

Wer ein Unternehmen besitzt, hat häufig bereits einen erheblichen Teil seines Vermögens in einer einzigen, illiquiden und operativ riskanten Anlage gebunden. Dazu kommen oft persönliche Bürgschaften, Gesellschafterdarlehen, schwankende Ausschüttungen, steuerliche Verpflichtungen und eine starke Abhängigkeit des privaten Lebensstandards vom wirtschaftlichen Verlauf des Unternehmens. Deshalb sollte die private Investmentstrategie eines Unternehmers das unternehmerische Risiko ergänzen, nicht verdoppeln.

Das private Depot eines Unternehmers sollte nicht der zweite Ort sein, an dem noch einmal dieselben Branchen-, Länder-, Finanzierungs- und Konjunkturrisiken eingekauft werden, die bereits im eigenen Unternehmen stecken. Ein Gründer eines Softwareunternehmens muss privat nicht zusätzlich überwiegend in Tech-Aktien, Venture Capital und Kryptowährungen investiert sein. Ein Immobilienunternehmer sollte prüfen, ob weitere private Immobilien wirklich Diversifikation bringen oder nur die bestehende Abhängigkeit von Zinsniveau, Regulierung und Standortpreisen erhöhen.

Erst Unternehmerbilanz, dann Depot

Bei Unternehmern beginnt sinnvolles Investieren nicht mit der Frage nach dem besten ETF, der attraktivsten Immobilie oder der nächsten Beteiligung. Der erste Schritt ist eine saubere Unternehmerbilanz. Sie zeigt, welche Risiken bereits vorhanden sind und welche Aufgabe das private Vermögen übernehmen soll.

In diese Bilanz gehören sowohl Bankguthaben und Depotwerte als auch der realistische Unternehmenswert, Gesellschafterdarlehen, Pensionszusagen, betriebliche Immobilien, persönliche Haftungen, laufende Finanzierungen, private Verpflichtungen, erwartete Steuerzahlungen und der Kapitalbedarf der Familie. Erst wenn diese Zusammenhänge sichtbar sind, lässt sich beurteilen, wie offensiv oder defensiv privat investiert werden sollte.

Doch was passiert mit dem privaten Leben, wenn der Unternehmenswert für fünf Jahre nicht realisierbar ist, Ausschüttungen ausfallen oder eine größere Steuerzahlung entsteht? Wenn diese Frage Unruhe auslöst, ist das Depot meist nicht das Hauptproblem. Dann fehlt zuerst eine belastbare Struktur zwischen Unternehmen, Privatvermögen und Liquiditätsplanung.

Konkrete Anlagebausteine für Unternehmer

Die folgenden Bausteine sind keine Produktempfehlung im Sinne einzelner Wertpapiere, sondern eine praxisnahe Struktur für Unternehmerdepots.

1. Liquiditäts- und Sicherheitsbaustein
Hierzu gehören Tagesgeld, Festgeld mit kurzen Laufzeiten, Geldmarktfonds beziehungsweise Geldmarkt-ETFs und kurzlaufende Staats- oder Unternehmensanleihen hoher Bonität. Dieser Baustein ist für Steuern, private Reserven, planbare größere Ausgaben und unternehmerische Durststrecken gedacht. Er sollte nicht mit dem langfristigen Renditeportfolio vermischt werden.

2. Globaler Aktienkern
Für den langfristigen Vermögensaufbau sind breit gestreute Aktien-ETFs auf globale Indizes häufig sinnvoller als ein Depot aus vielen Einzelmeinungen. Geeignet sind eher weltweite Ansätze als enge Länder-, Branchen- oder Trendprodukte. Unternehmer sollten besonders darauf achten, ob sie über ihr Unternehmen bereits stark von bestimmten Regionen, Währungen oder Branchen abhängig sind. Ein Depot, das diese Abhängigkeiten wiederholt, ist keine echte Diversifikation.

3. Zins- und Stabilitätsbaustein
Kurz- bis mittelfristige Anleihen hoher Bonität können helfen, Schwankungen im Gesamtvermögen zu reduzieren. Bei Unternehmern ist dieser Baustein oft wichtiger als bei jungen Angestellten, weil das operative Vermögen bereits stark schwankt. Gerade wer hohe Unternehmensrisiken trägt, muss privat nicht jede Renditechance aggressiv ausreizen.

4. Sachwerte und Immobilien
Immobilien können sinnvoll sein, wenn sie zur Gesamtstruktur passen, sollten aber nicht automatisch als sichere Ergänzung gelten. Sie sind illiquide, oft fremdfinanziert und stark von Standort, Zinsniveau, Regulierung und Instandhaltung abhängig. Unternehmer, die bereits betrieblich Immobilien besitzen oder deren Geschäftsmodell vom Immobilienmarkt abhängt, sollten private Immobilien nicht überschätzen.

5. Unternehmerische Chancenquote
Dazu zählen Angel Investments, Private Equity, Venture Capital, Kryptowährungen, Themenfonds oder Einzeltitel. Diese Anlagen können interessant sein, aber sie gehören bei den meisten Unternehmern nicht in den Kern der privaten Vermögensplanung. Eine sinnvolle Grenze kann je nach Vermögenslage bei fünf bis zehn Prozent des liquiden Privatvermögens liegen. Wer nach einem Totalverlust dieser Quote seine Familienplanung, Altersvorsorge oder Unternehmensstrategie ändern müsste, hat zu viel Risiko genommen.

Orientierungsmodelle nach Vermögens- und Unternehmenssituation

Bei stark unternehmensabhängigen Gründern mit wenig freiem Privatvermögen sollte der Fokus auf Reserve, Absicherung und einem einfachen ETF-Sparplan liegen. Ein mögliches Bild wäre: hoher Liquiditätsanteil, keine illiquiden Nebeninvestments, kein kreditfinanzierter Vermögensaufbau und ein langfristiger globaler ETF-Anteil, der auch in schwachen Monaten durchgehalten werden kann.

Bei profitablen Unternehmern mit 250.000 Euro bis eine Million Euro frei investierbarem Privatvermögen kann das Depot bereits strukturierter aufgebaut werden. Nach Abzug der Liquiditätsreserve kann ein langfristiger Anteil von beispielsweise 50 bis 70 Prozent globalen Aktien, 20 bis 40 Prozent Zins- und Geldmarktbausteinen sowie bis zu zehn Prozent Chancenquote sinnvoll sein. Die genaue Gewichtung hängt davon ab, wie stark das Unternehmen selbst schwankt und wie sicher private Entnahmen sind.

Bei Unternehmern mit mehr als einer Million Euro liquiden Privatvermögens wird die Vermögensplanung stärker zur Architekturfrage. Dann geht es um mehrere Depots oder Vermögenstöpfe, steuerliche Struktur, Nachfolgefähigkeit, Ehe- und Erbfragen, Versorgung der Familie, Stiftungslösungen oder Holdingstrukturen. Der Kapitalmarkt bleibt wichtig, aber er ist nur noch ein Teil eines größeren Systems.

Bei Unternehmern nach einem Exit sollte die erste Allokation bewusst defensiver sein, als es die Risikoneigung vermuten lässt. Häufig ist es sinnvoll, zunächst mehrere Jahre Lebenshaltung, Steuerzahlungen und größere private Vorhaben aus schwankungsarmen Anlagen abzudecken. Erst danach wird entschieden, welcher Teil langfristig global investiert, welcher Teil unternehmerisch reinvestiert und welcher Teil für Familie, Immobilien oder Philanthropie reserviert wird.

Typische Fehler, die Unternehmer vermeiden sollten

Der erste Fehler ist die Verwechslung von unternehmerischer Kompetenz mit Kapitalmarktkompetenz. Wer ein Unternehmen erfolgreich aufgebaut hat, kann Märkte analysieren, aber er kontrolliert sie nicht. Im eigenen Unternehmen können Strategie, Vertrieb, Produkt und Führung direkt beeinflusst werden. Im Depot ist Disziplin oft wichtiger als Aktivität.

Der zweite Fehler ist eine zu hohe Nähe zum eigenen beruflichen Umfeld. Gründer investieren gern in andere Startups, Immobilienunternehmer in Immobilien, Ärzte in Gesundheitsunternehmen, Tech-Unternehmer in Tech-Werte. Das fühlt sich kompetent an, führt aber häufig zu Risikokonzentration.

Der dritte Fehler ist fehlende Trennung von Steuerliquidität, Sicherheitsreserve und Renditekapital. Geld, das in zwölf Monaten für Einkommensteuer, Körperschaftsteuer, Investitionen oder private Verpflichtungen gebraucht wird, sollte nicht im Aktienmarkt arbeiten müssen.

Der vierte Fehler ist eine Altersvorsorge, die ausschließlich auf dem Unternehmensverkauf basiert. Ein Unternehmen kann wertvoll sein und trotzdem nicht zum gewünschten Zeitpunkt, zum gewünschten Preis oder an den gewünschten Käufer verkauft werden. Parallel ein unabhängiges Privatvermögen aufzubauen, ist deshalb kein Misstrauen gegenüber dem eigenen Unternehmen, sondern Risikomanagement.

Die wichtigste Regel: Das Depot muss zur Unternehmerrolle passen

Gute Vermögensplanung für Unternehmer ist nicht besonders spektakulär. Sie ist präzise. Sie erkennt, wo Risiko bereits vorhanden ist, und baut dort Stabilität auf, wo private und familiäre Verpflichtungen nicht von der nächsten Finanzierungsrunde, dem nächsten Großkunden oder dem nächsten Konjunkturzyklus abhängen dürfen.

Für Gründer und Unternehmer bedeutet das: Das eigene Unternehmen bleibt häufig der wichtigste Renditetreiber. Das private Vermögen muss deshalb nicht noch einmal dieselbe Wette eingehen. Es sollte Reserven schaffen, Risiken streuen, Versorgung sichern und langfristig Vermögen außerhalb des operativen Geschäfts aufbauen.

Wer so investiert, denkt nicht weniger unternehmerisch. Er denkt vollständiger. Denn ein Unternehmer, der sein Privatvermögen sauber strukturiert, gewinnt  finanzielle Stabilität sowie strategischen Spielraum für das Unternehmen selbst.


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