Oliver Yeh: Warum Marken 2026 nicht lauter, sondern bedeutender werden müssen

Die Wiener Agentur aime feiert 2026 ihr zehnjähriges Bestehen und baut parallel einen zweiten Standort in Berlin auf. Im Interview erklärt CEO Oliver Yeh, warum kurzfristige Social-Media-Trends keine Markenstrategie ersetzen, wie KI die Content-Produktion verändert und weshalb Identität in einer immer stärker automatisierten Marketingwelt zur entscheidenden Währung wird.

In einer Zeit, in der Marken durch die schiere Masse an digitalen Inhalten fast minütlich an Relevanz verlieren, lautet das Leitmotiv von aime ausgerechnet “Make it last”. Was bleibt in einer von kurzfristigen Trends getriebenen Welt wirklich noch bestehen?

Das ist die Frage, die wir für unsere Kunden täglich beantworten. Trends haben einen technischen Nutzen: Sie sind die Wellen, auf denen man reitet, um auf Social Media organisch mehr Sichtbarkeit zu erhalten. Doch zu selten wird weiter überlegt, ob die Zuseher sich nach der Sichtbarkeit überhaupt noch an einen erinnern können. Es entsteht dadurch ein reines Trend-Chasing – alles schaut gleich aus. Woran erkennt die Zielgruppe, ob dein Inhalt von dir kommt oder von einem anderen Unternehmen, das den Trend ebenfalls kopiert hat? Heruntergebrochen bleiben langfristig immer Erinnerungen und Emotionen, und wir als Marketer sollten immer dieses Ziel verfolgen.

Viele Unternehmen tappen in die Falle, jeden Hype auf Plattformen wie TikTok oder Instagram sofort kopieren zu wollen. Warum ist Digital Marketing eurer Erfahrung nach ohne eine tiefgreifende Markenstrategie langfristig wirkungslos?

Der Grund, wieso so viele Marken grundlos Trends kopieren, ist die Angst, den Anschluss zu verlieren, sobald sie es nicht tun. Das führt zu Stress und impulsiven Aktionen. Markenstrategie verlangt aber nach Zeit und Gründlichkeit in der Ausarbeitung und Ausführung. Sie braucht ein stabiles Fundament an Daten über Märkte, Zielgruppen und Kultur. Ohne dieses Fundament weiß niemand in der Wertschöpfungskette genau, was zu tun ist – das führt direkt zu inkonsistenter Kommunikation und Werbung. Ironischerweise sind gerade viele Marketer selbst die Opfer davon – sie schwimmen zu oft mit dem Strom, anstatt daran zu denken, wie man wirklich individuell auffällt

Ihr positioniert euch ganz klar als Partner für Strategic Execution. Wie helft ihr Marken konkret dabei, Identität als “neue Währung” aufzubauen, anstatt nur auf künstliche Reichweite zu setzen?

Bei jeder Umsetzung arbeiten wir aus einer strategischen Grundlage heraus, die die Identität der Marke beinhaltet. In der Praxis heißt das: Wir fragen uns bei jedem Post, jeder Kampagne, jedem Kanal – zahlt das auf die gewünschte Markenwahrnehmung ein oder nicht? Gerade in einer Zeit, in der alles vermehrt ähnlich aussieht, achten wir darauf, wie man gezielt anders auftritt. Dabei hören wir aktiv auf Resonanzen der Community und beobachten gesellschaftliche Entwicklungen, die wir dann in unsere Arbeit einfließen lassen. Das zeigt echtes Zielgruppen-Verständnis und führt zu Vertrauen, das langfristig auf die Marke einzahlt.

Mit eurem neu gelaunchten AI Content Studio brecht ihr etablierte Produktionsmuster auf. Wie genau fungiert KI Marketing bei aime als Hebel für effizientere Prozesse, und wie stellt ihr sicher, dass bei all der Automatisierung die kreative Qualität nicht auf der Strecke bleibt?

Wir nutzen KI-Tools bereits seit über einem Jahr produktiv und reizen gezielt die Möglichkeiten aus, um zu sehen, wo es nicht nur sinnvoll ist, sondern vor allem auch kreativitätsfördernd. Den Hebel für effizientere Prozesse sehen wir darin, dass man mittlerweile weniger Zeit braucht, um Ideen zu visualisieren, zu testen oder sogar zu verbessern. KI ist für uns ein weiteres Werkzeug, das es uns ermöglicht, nicht nur schneller, sondern vor allem auch kreativer zu arbeiten und Ideen umzusetzen, die davor zu teuer oder umständlich waren. Die Qualitätskontrolle liegt weiterhin bei unseren Experten und orientiert sich an den hohen Technik- und Design-Standards, die schon immer tief in der DNA von aime stecken.

Wie verändert Künstliche Intelligenz eurer Meinung nach die Art und Weise, wie Marken künftig konzipieren und produzieren müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Die Produktionskosten fallen, die Erwartungen steigen. Das ist die neue Realität. Marken müssen sich darauf einstellen, dass Konsumenten mehr und besseren Content erwarten, weil die Technologie es möglich macht. Gleichzeitig sinkt die Hürde für schlechten Content dramatisch – jeder kann jetzt auf den ersten Blick professionell aussehende Videos machen. Der Unterschied wird also nicht mehr das Budget sein, sondern die Klarheit der Marke und der Botschaften dahinter. Wer heute keine starke und einprägsame Identität hat, wird in einer Welt mit immer mehr Content an Bedeutung verlieren. Marken müssen also paradoxerweise menschlicher werden, je mehr Maschinen Content produzieren.

Ihr betreut große Marken wie Mercedes-Benz, De’Longhi, Thermomix und die Erste Bank. Diese Player haben höchste Budgets, aber auch kompromisslose Ansprüche. Wie stellt ihr sicher, dass euer Social Media Marketing nicht nur visuell herausragend ist, sondern messbar funktioniert und direkt auf die Unternehmensziele einzahlt?

Die Messbarkeit der Performance ist genauso wichtig wie unser design- und content-fokussierter Ansatz. Konkret arbeiten wir in enger Abstimmung mit den Marketing-Teams unserer Kunden und wissen genau, welche Unternehmensziele sie erreichen müssen. Dementsprechend definieren wir KPIs, die über Likes und Kommentare hinausgehen – Brand Awareness, Lead-Qualität, Conversion-Rates. Diese gleichen wir monatlich ab und passen die Strategie entsprechend flexibel an. Das ist keine Zusatzleistung bei uns, das ist Standard. Schöne Bilder können viele machen. Wir schauen darauf, dass sie auch funktionieren.

Von Brand Strategy über Creative Content bis hin zu Influencer Relations – ihr deckt ein breites Spektrum ab. Wie greifen diese Disziplinen bei euch ineinander, um am Ende eine stringente und zukunftsorientierte Markenerzählung zu schaffen?

Die enge Zusammenarbeit zwischen unseren Teams und Abteilungen ist tief in unserer Unternehmenskultur verankert. Wir fördern den Austausch aktiv durch wöchentliche Meetings, in denen wir laufende Projekte besprechen und voneinander lernen. Mithilfe von KI haben wir zusätzlich das gesamte Unternehmenswissen für alle zugänglich gemacht – so können wir noch konsistentere Ergebnisse liefern.

2026 feiert aime als inhabergeführte Agentur aus Wien bereits ihr 10-jähriges Jubiläum. Gleichzeitig befindet ihr euch aktuell mitten in der Gründung eures zweiten Standorts in Berlin. Warum war genau jetzt der richtige Zeitpunkt für den Sprung nach Deutschland?

Timing in der Unternehmensentwicklung ist selten perfekt, aber manchmal passt die Richtung einfach. Nach zehn Jahren in Wien war die natürliche Frage: Wo ist der nächste Markt, der wirklich zu uns passt? Berlin vereint Kreativität mit Tempo. Es ist ein Markt für Unternehmen und Marken, die sich immer wieder beweisen wollen – und genau das finden wir ansprechend.

In Berlin wollt ihr euch besonders auf den Ausbau von KI-Videos fokussieren. Welches ungenutzte Potenzial seht ihr hier im deutschen Markt, speziell für C-Level-Entscheider und große Mittelständler?

Der deutsche Markt ist in der KI-Video-Adoption deutlich zurückhaltender als der internationale Vergleich – wobei Berlin hier eine Ausnahme bildet. Das ist nicht nur ein kulturelles Phänomen, es ist eine Marktlücke. Wer jetzt in KI-Video investiert, besetzt eine Erzählform, die in zwei Jahren Standard sein wird – mit einem Vorsprung von zwei Jahren. Gerade für C-Level-Entscheider und große Mittelständler bedeutet das: visuell auf Enterprise-Niveau agieren, ohne Enterprise-Produktionsbudgets zu benötigen. Das ist einer der wirkungsstärksten Hebel in der deutschen Markenlandschaft gerade.

Wenn ihr einem CMO oder Unternehmensgründer, der aktuell mit der Sichtbarkeit seiner Marke kämpft, heute nur einen einzigen strategischen Rat geben dürftet: Wo sollte er 2026 ansetzen?

Hör auf, krampfhaft sichtbar werden zu wollen, und fang an, bedeutsam für deine Kunden zu werden. Sichtbarkeit ist ein Ziel von vielen, aber keine Strategie, die dich von anderen unterscheidet. Wer 2026 wirklich Durchdringung sucht, muss sich zuerst die Frage beantworten: Wofür steht meine Marke und kann der Endkonsument diese Frage für mich beantworten? Wenn die Antwort darauf klar ist, ergibt sich der Rest von selbst. Wenn nicht, wird jede Marketingmaßnahme verpuffen. Die Marken, die überleben, sind nicht nur die lautesten, sondern die, die etwas zu sagen haben und für etwas stehen.

Erfahren Sie hier mehr über aime.

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