Das Bielefelder Start-up Sustaind gibt eine vertragliche Leistungsgarantie auf sein KI-gestütztes Compliance-Monitoring. Abgesichert wird sie von einem Unternehmen der Munich Re Gruppe. Für KI-Gründer in regulierten Märkten ist das ein Modell zum Nachdenken.
KI-Tools im Compliance-Management haben ein Grundproblem: Sie sind schnell, aber unverbindlich. Wer ein solches System einsetzt und trotzdem eine relevante Rechtsänderung verpasst, haftet selbst. Wer sicher gehen will, prüft manuell nach. Damit ist der Zeitgewinn wieder weg, für den man das Tool gekauft hat. Die Hürde war also nie die Technik, sondern die Frage, wer für das Ergebnis geradesteht.
Das Bielefelder Start-up Sustaind dreht dieses Verhältnis um. Zusammen mit der Great Lakes Insurance SE, einem Unternehmen der Munich Re Gruppe, bietet Sustaind sein KI-gestütztes Rechtskataster- und Monitoring-Angebot ab sofort mit einer Leistungsgarantie an. Übersieht das System eine Rechtsänderung, steht Sustaind gegenüber dem Kunden dafür ein. Abgesichert ist das Start-up dabei im Rahmen der vereinbarten Versicherungsbedingungen. Nach eigenen Angaben ist Sustaind der erste KI-Anbieter in Europa, der das Risiko eigener Fehler auf diese Weise selbst trägt.
Was die Garantie abdeckt
Der interessanteste Teil des Modells ist die Definition. Als übersehene Rechtsänderung gilt ein neuer Rechtsakt, den eine offizielle Stelle veröffentlicht hat. Er muss anhand der Angaben, die das Unternehmen im System hinterlegt hat, objektiv für dieses Unternehmen gelten. Und das System darf ihn nicht erfasst oder nicht als relevant markiert haben. Dann greift die Garantie.
Garantiert wird also das Erkennen und Nachverfolgen. Die juristische Bewertung des Einzelfalls bleibt beim Kunden. „Wir liefern dafür die Arbeits- und Entscheidungsgrundlage“, sagt Mitgründer und CEO Louis Schulze.
Wie hoch die Haftung ausfällt, hängt vom Lizenzumfang ab, vor allem von der Zahl der abgedeckten Länder. Pro Fall liegt sie nach Angaben des Unternehmens im fünf- bis sechsstelligen Bereich.
Die Prüfung vor der Zusage
Bevor der Versicherer zusagte, hat er das System geprüft. Angesehen wurde beides: der technische Aufbau der Plattform und die Funktionsweise der KI. Dazu kam ein empirischer Test mit mehr als 50 Fallunternehmen in über 30 Ländern. Aus diesem Test stammt auch die Fehlerquote von unter einem Prozent, mit der Sustaind heute wirbt. Zur konkreten Ausgestaltung der Partnerschaft äußert sich das Start-up nicht.
Dr. Peter Bärnreuther, Senior Underwriter für KI-Risiken bei Munich Re, sagt dazu: „Sustaind hat diese Prüfung erfolgreich bestanden. Deshalb stehen wir mit Überzeugung als Versicherer hinter dieser Lösung.“
Acht bis zehn Änderungen am Tag, aber für wen?
Sustaind wirbt mit einer zweiten Zahl: täglich acht bis zehn Rechtsänderungen, die für ein Unternehmen relevant sein können. Auf Nachfrage ordnet Schulze sie ein. Der Wert stammt aus der eigenen Datenbank und bezieht sich auf ein Unternehmen, das in mehreren Märkten aktiv ist. Eine allgemeine Marktzahl ist das also nicht, sondern ein Erfahrungswert für einen international aufgestellten Mittelständler.
Überwacht werden Rechtsänderungen in über 120 Ländern, tagesaktuell. Die Plattform gleicht sie mit dem Profil des Unternehmens ab und übersetzt sie in konkrete Pflichten, die einzelnen Verantwortlichen zugewiesen werden.
Was der Service kostet
Auch der Preis hängt an den Ländern. Für kleine und mittlere Unternehmen beginnt die Jahreslizenz im vierstelligen Bereich. Bei Konzernen mit mehr als 100 Ländern kann sie bis in den sechsstelligen Bereich gehen.
Ab welcher Unternehmensgröße sich das lohnt, beantwortet Schulze anders als erwartet. Entscheidend sei nicht die Mitarbeiterzahl, sondern wie stark ein Unternehmen der Regulatorik ausgesetzt ist. Der kleinste Kunde von Sustaind hat 18 Mitarbeitende. Bei ihm blieb vor der Zusammenarbeit ein Container hängen, weil sich eine Zollvorschrift geändert hatte. Das kostete sofort Umsatz.
Das Team von Sustaind umfasst derzeit rund zehn Personen, Tendenz steigend. Betreut werden nach eigenen Angaben über 120 Kunden. Nach einer ersten Finanzierungsrunde finanziert sich das Unternehmen aus dem eigenen Wachstum.
Was Gründer daraus mitnehmen können
Für Schulze liegt die eigentliche Lehre nicht im Versicherungskonstrukt, sondern in der Frage, was man überhaupt verkauft. Ob ein Produkt als SaaS, als Software oder als KI etikettiert werde, sei zweitrangig. Kunden wollten ein Ergebnis.
In vielen regulierten Bereichen habe dieses Ergebnis bisher ein Berater geliefert. Genau solche Prozesse könne KI nach und nach übernehmen. Damit öffne sich ein Teil des Marktes für Software, der bisher verschlossen war.
Die Frage für Gründerinnen und Gründer lautet deshalb nicht, wie man bestehende Software besser macht. Sie lautet: Was wird heute noch nicht von Software erledigt, könnte es mit KI aber künftig?
Wer darauf eine Antwort findet, steht allerdings vor derselben Hürde wie Sustaind. Verbindlichkeit lässt sich nur verkaufen, wenn jemand bereit ist, das Restrisiko mitzutragen.

