An deutschen Hochschulen fehlt es nicht an Ideen. In Laboren und Forschungseinrichtungen entstehen Technologien mit großem wirtschaftlichem Potenzial. Die entscheidende Frage ist, warum daraus trotzdem zu selten erfolgreiche Startups werden. Prof. Dr. Axel Winkelmann, Lehrstuhlinhaber für BWL und Wirtschaftsinformatik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und Partner bei 14leafs, erklärt, woran der Transfer aus der Forschung in den Markt häufig scheitert und was sich ändern muss.
Der Transfer von wissenschaftlichem Ergebnis zum marktfähigen Unternehmen ist nicht geradlinig. Zwischen Forschung und Markt liegen viele Zwischenschritte: Prototypen, Patentanmeldungen, regulatorische Prüfungen, Industriepartnerschaften und die konsequente Ausrichtung auf einen konkreten Kundennutzen. Jeder dieser Schritte erfordert nicht nur Zeit, sondern auch Kapital, unternehmerisches Know-how und erfahrene Begleitung. An dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob aus einer Forschungsleistung ein Unternehmen wird oder ob sie in Projekten und Pilotphasen stecken bleibt.
Die Finanzierungslücke im Übergang
Forschung wird in Deutschland überwiegend über zeitlich befristete Drittmittelprojekte finanziert. Ist ein Projekt abgeschlossen, müssen Forschende neue Mittel einwerben, statt bestehende Ergebnisse systematisch in Richtung Markt weiterzuentwickeln. Investoren wiederum steigen typischerweise erst ein, wenn ein Geschäftsmodell plausibel beschrieben werden kann und erste kommerzielle Signale vorliegen. Bei technologiegetriebenen Gründungen entsteht dadurch eine strukturelle Finanzierungslücke, das sogenannte Valley of Death, in der weder öffentliche Förderung noch privates Kapital durchgängig zur Verfügung stehen.
Öffentliche Förderprogramme wie EXIST-Stipendien oder Gründerzentren leisten in dieser Phase einen wichtigen Beitrag. Sie senken Einstiegshürden und machen Unternehmertum als Karriereweg sichtbar. Ihre strukturelle Grenze liegt jedoch dort, wo aus einem Gründungsvorhaben ein professionell wachsendes Unternehmen werden muss. Eine Förderung über zwölf Monate schafft eine gewisse Sicherheit, löst aber nicht das Problem, dass Sales-Zyklen von neun bis zwölf Monaten keine Ausnahme sind. Förderung setzt wichtige Impulse, ersetzt aber weder Marktzugang noch Vertrieb, Finanzierung und Unternehmensaufbau.
Technologische Exzellenz ist notwendig, aber nicht hinreichend
Der verbreitetste Denkfehler in frühen Gründungsteams aus der Wissenschaft lautet: Die Technologie ist so überzeugend, dass sich der Markt von selbst ergibt. In der Wissenschaft wird Erfolg an neuen Erkenntnissen und technischer Präzision gemessen. Die Wirtschaft funktioniert anders: Hier zählt, ob ein konkretes Kundenproblem gelöst wird und ob sich dafür zahlende Abnehmer finden lassen.
Eine technologisch überzeugende Lösung ist notwendig, aber niemals hinreichend. Schließlich bleibt ein technisch ausgereiftes Produkt wirtschaftlich wirkungslos, wenn es nicht systematisch an Kunden gebracht werden kann. Für ein erfolgreiches Startup sind außerdem operative Fähigkeiten nicht zu vernachlässigen: Vertrieb, Preismodell, Skalierung, Teamaufbau und Finanzierung. Diese Kompetenzen entstehen selten im Studium, sondern im Aufbau wachsender Unternehmen – und müssen deshalb früh in Gründungsteams eingebracht werden.
Kapital muss näher an die Forschung rücken
Ein weiteres strukturelles Problem ist die geografische Verteilung von Kapital und Forschung. Laut Dealroom befinden sich 58 Prozent des verfügbaren VC- Kapitals in Berlin/Brandenburg und München, während etwa sieben von zehn deutschen Universitäten in Städten mit weniger als 200.000 Einwohnern liegen. Das bedeutet: Forschung findet dezentral statt, während Finanzierung zentral organisiert ist. Gründerteams, die außerhalb der Metropolen weder Investoren noch erfahrene Sparringspartner finden, folgen dem Kapital in andere Städte oder ins Ausland. Laut einer Bitkom-Umfrage aus dem Jahr 2025 erwägt jedes vierte deutsche Tech-Startup einen Wegzug ins Ausland. Mit ihnen verlassen Fachkräfte, geistiges Eigentum und potenzielle Folgegründungen die Region.
Regionale Fondsmodelle können dieser Dynamik entgegenwirken, wenn sie professionell organisiert sind. Ihr entscheidender Vorteil liegt im frühen Zugang zu Innovationen. Wer Hochschulen, Transferzentren und Industrieunternehmen vor Ort kennt, begegnet Gründungsideen nicht erst beim formellen Pitch, sondern im Labor oder im Gespräch mit Professorinnen und Professoren. Dadurch entsteht ein frühes Verständnis für Technologie, Team und Marktpotenzial, das überregionale Strukturen nicht immer in dieser Tiefe bieten können.
Transfer als unternehmerischer Prozess
Damit der Transfer aus der Hochschule hin zum relevanten Startup funktioniert, darf der Technologietransfer nicht als nachgelagertes Förderthema verstanden werden. Er beginnt nicht dort, wo ein Forschungsergebnis fertig ist, sondern muss von Anfang an als unternehmerischer Prozess gedacht werden, mit klarer Marktperspektive, frühzeitigem Kapitalzugang und operativer Begleitung.
Erst wenn Wissenschaft, Kapital und unternehmerische Erfahrung früher zusammenkommen, steigt die Chance, dass aus exzellenter Forschung relevante Startups werden.

