Ein Schlüssel für den Ernstfall: Decrypta Technologies aus Schwerte packt den digitalen Nachlass auf einen verschlüsselten USB-Stick — ohne Cloud, ohne Abo. Ich habe mir angeschaut, was das Konzept taugt. Ein Erfahrungsbericht von Rico-Thore Kauert.
Ich gebe zu: Das Thema digitaler Nachlass stand bei mir lange in derselben Kategorie wie der Zahnarzttermin, den man „demnächst mal“ ausmacht. Dabei weiß ich als jemand, der beruflich fast ausschließlich digital arbeitet, ganz genau, was passieren würde, wenn ich morgen ausfalle: Meine Familie stünde vor einem gesperrten Smartphone, Dutzenden Accounts und einem Passwortmanager, dessen Master-Passwort nur ich kenne. Laut einer Bitkom-Erhebung vom Oktober 2025 regeln nur 32 Prozent der Internetnutzer in Deutschland, was mit ihren digitalen Daten im Ernstfall geschehen soll. Gerade einmal ein Prozent nutzt dafür eine kommerzielle Lösung. Der Rest verlässt sich auf Zettel, Notizen oder das Prinzip Hoffnung.
Genau in diese Lücke zielt MyLastKey, ein Produkt der Decrypta Technologies GmbH aus Schwerte. Und weil das Konzept so angenehm unaufgeregt daherkommt, habe ich es ausprobiert und meine MyLastKey Erfahrungen in diesem Bericht zusammengefasst.
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Ein USB-Stick, der aussieht wie ein Haustürschlüssel
Das Produkt ist schnell erklärt: ein verschlüsselter USB-Stick in Form eines klassischen Schlüssels, geliefert in einer Metalldose, wahlweise mit feuerfester Tasche. Darauf eine vorinstallierte Software, die ohne Installation direkt vom Stick läuft. Einstecken, Doppelklick, Master-Passwort vergeben — ein Assistent führt dann durch alle Felder, die im Ernstfall relevant sind: Passwörter und PINs, Bankkonten, Versicherungen, Krypto-Seeds, wichtige Dokumente, sogar Hinweise auf Geldverstecke und persönliche letzte Worte an Angehörige.
Die Einrichtung ist tatsächlich so simpel, wie es klingt. Kein Konto, keine App, keine Cloud. Alle Daten bleiben lokal auf dem Stick, verschlüsselt mit AES-256 – dem Standard, den auch Banken und Behörden einsetzen. Wer den Stick findet oder stiehlt, kann ohne Master-Passwort nichts damit anfangen.
Interessant ist die Herkunft des Produkts: Decrypta Technologies kommt aus der IT-Forensik und unterstützt sonst Strafverfolgungsbehörden bei der Analyse beschlagnahmter Datenträger. „Wir haben oft erlebt, was passiert, wenn jemand ohne Vorbereitung stirbt“, sagt Geschäftsführer Sascha Lüdtke. „Familien stehen vor dem Smartphone der Mutter und kommen nicht hinein. Konten laufen weiter, Krypto-Vermögen verfällt, Erinnerungen sind verloren.“ Wer beruflich daran scheitert, verschlüsselte Daten Verstorbener wiederherzustellen, weiß vermutlich ziemlich genau, wie man das Problem an der Wurzel packt.

So sieht die Benutzeroberfläche von MyLastKey aus.
Meine MyLastKey Erfahrungen: Was mir gefallen hat
Der größte Pluspunkt ist für mich die bewusste Offline-Philosophie. Die Verbraucherzentralen raten seit Jahren davon ab, sensible Zugangsdaten kommerziellen Cloud-Anbietern anzuvertrauen — MyLastKey umgeht dieses Risiko komplett. Es gibt kein Online-Konto, das gehackt werden kann, keinen Server, keinen Anbieter, der Daten verarbeitet. Und: Sollte es Decrypta irgendwann nicht mehr geben, funktioniert der Stick trotzdem weiter, weil nichts von einem laufenden Dienst abhängt. In Zeiten, in denen ständig irgendein Dienst eingestellt wird, ist das ein Argument.
Der zweite Punkt ist die Zielgruppentauglichkeit. Ein Schlüssel ist ein Bild, das jeder versteht, auch die Generation, die mit Apps und Zwei-Faktor-Authentifizierung fremdelt. Man kann ihn in die Hand nehmen, in den Tresor legen, bewusst weitergeben. In den Amazon-Rezensionen fällt auf, wie viele Käufer das Produkt für ihre Eltern erwerben, gerade weil es „etwas zum Anfassen“ ist.
Drittens die integrierte Backup-Funktion. Ein Punkt, den ich beim ersten Hinsehen unterschätzt hatte. Über den Menüpunkt „Backup“ in der linken Navigation lässt sich jederzeit eine vollständige Kopie des gesamten Sticks erstellen. Das Backup lässt sich nicht nur auf dem Original-Stick wiederherstellen, sondern auch auf einem beliebigen anderen USB-Stick. In diesem Fall wird ein einmalig angezeigter Code per E-Mail an den Hersteller übermittelt, der im Gegenzug einen Freischaltcode bereitstellt — laut Decrypta ein reiner Kopierschutz gegen unbefugte Vervielfältigung. So kann man sich zwei oder drei voll funktionsfähige Backup-Sticks anlegen und an getrennten Orten verwahren. Genau das würde ich auch jedem raten, denn ein einzelner Datenträger bleibt naturgemäß ein einzelner Datenträger.
Viertens: das Drumherum. Beigelegt sind ein 60-seitiger Ratgeber zum digitalen Nachlass sowie ausfüllbare Vorlagen für Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Bankvollmacht und digitale Nachlassvollmacht. Dazu der „MyLastKey Pass“, eine ausdruckbare Notfall-Vollmacht, über die der Zugang an eine Vertrauensperson übergeben wird. Das ist mehr Vorsorge-Set als Gadget, und der Einmalkauf ab 69 Euro ohne Abo-Modell fühlt sich fair an.
Fünftens: Der Stick hat eine Backup-Funktion. Die sollte man nutzen, muss sie aber selbst anstoßen.
Wo ich Fragezeichen sehe
Ganz ohne Einschränkungen kommt das Konzept nicht aus — auch wenn sich einige Punkte bei genauerem Hinsehen relativieren.
Erstens die Passwort-Frage. Wer sein Master-Passwort vergisst, kommt nicht mehr an die Daten — auch der Hersteller nicht. Decrypta betont auf Nachfrage, dass das eine bewusste Entscheidung sei: Das Master-Passwort könne weder ausgelesen noch zurückgesetzt werden, weil jede Hintertür die Sicherheit des Gesamtsystems schwächen würde. Das ist konsequent gedacht, und das Restrisiko ist keine Eigenheit von MyLastKey: Auf Papier notierte Passwörter können bei Feuer oder Wasserschaden verloren gehen, Cloud-Lösungen hängen von der Verfügbarkeit des Anbieters ab und können Opfer von Sicherheitsvorfällen oder einer Insolvenz werden. Der Hersteller empfiehlt deshalb, mehrere Backup-Sticks anzulegen und den beiliegenden MyLastKey-Pass etwa an mehrere Familienmitglieder auszuhändigen oder im Tresor zu hinterlegen. Dem schließe ich mich an — aber man sollte sich der Tragweite bewusst sein: Die Sicherheit des Systems steht und fällt damit, dass dieser Zettel im Ernstfall auffindbar ist.
Zweitens die Plattform — für mich aktuell die größte Einschränkung, und das sieht man auch beim Hersteller so. Die Software läuft nativ nur unter Windows 10 und 11. Dateien aus macOS und Linux lassen sich dank exFAT zwar ablegen und verschlüsseln, doch ein Mac-Haushalt braucht im Ernstfall derzeit einen Windows-Rechner in Reichweite. Decrypta arbeitet nach eigenen Angaben mit Hochdruck an einer nativen macOS-Version, die in absehbarer Zeit verfügbar sein soll. Bis dahin bleibt der Punkt bestehen. Und: Die 4 GB Speicher sind für Zugangsdaten und Dokumente völlig ausreichend, für das Foto-Archiv eines Lebens aber ausdrücklich nicht gedacht; hier hinterlegt man besser Hinweise auf den Speicherort.
Schließlich der juristische Hinweis, den auch der Hersteller selbst gibt: Die mitgelieferten Vorlagen orientieren sich an gängigen Mustern, ersetzen bei komplexeren Vermögensverhältnissen aber keine anwaltliche oder notarielle Beratung.
Mein Fazit nach dem MyLastKey Test
MyLastKey löst ein Problem, das fast jeder hat und fast niemand angeht und es löst es auf eine Art, die auch für nicht-technikaffine Menschen funktioniert. Die Offline-Architektur ist in diesem Anwendungsfall kein Rückschritt, sondern ein Feature, und mit der integrierten Backup-Funktion lässt sich das Risiko eines einzelnen Datenträgers gut abfedern. Die verbleibenden Einschränkungen, die derzeitige Windows-Bindung und die volle Eigenverantwortung für das Master-Passwort, sind real, aber keine davon ist ein K.-o.-Kriterium, solange man sie kennt und einplant.
Meine MyLastKey Erfahrungen lassen sich daher so zusammenfassen: Der Stick ist vor allem eines: ein Anlass, das Thema endlich anzugehen. Ob mit MyLastKey oder anders: Wer online lebt, sollte regeln, was im Ernstfall damit passiert. Der Schlüssel liegt jedenfalls jetzt bei mir in der Schublade. Neben einem Backup. An Orten, die meine Familie kennt.

